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Weibliche Imaminnen: Nichts Neues im Islam

Derzeit verbreiten fast alle Medien die Falschinformation, dass Seyran Ateş sensationellerweise die erste weibliche Imamin wäre. Leider scheint sich fast kein Journalist bzw. keine Journalistin mit dem Thema beschäftigt zu haben.
Seyran Ateş hat hier keineswegs etwas völlig neues begonnen. In verschiedenen Teilen der islamischen Welt gibt es seit Jahrhunderten weibliche Imame. Weibliche Imame gibt es in Marokko, Indonesien, im Iran, in Südafrika, den USA, Dänemark, Großbritannien und einer Reihe anderer Staaten. In China gibt es sogar eigene Frauenmoscheen. Zwei der klassischen vier Rechtsschulen des sunnitischen Islam haben weibliche Imame immer akzeptiert. Die Hanafiten haben weibliche Imame als makrūh (missbilligt) betrachtet, die Malikiten ganz abgelehnt. Aber unter Schafiiten und Hanbaliten hat es das immer gegeben. Auch in Deutschland und Österreich gibt es schon seit Jahren weibliche Imaminnen, nicht sehr viele, aber es gibt sie. In einem Bericht der Deutschen Welle von 2008 – also vor fast 10 Jahren – ist von 13 Imaminnen in Deutschland die Rede. Das einzige was wirklich sehr umstritten ist, ist die Frage ob Frauen bei einem gemeinsamen Gebet von Frauen und Männern als Vorbeterinnen tätig sein können. Auch hier gibt es verschiedene Beispiele in der islamischen Geschichte, dass dies zumindest bei verschiedenen Sekten immer wieder der Fall war. Die frühesten Überlieferungen von Frauen geführten gemischten Gebeten sind meines Wissens nach von der Haruriyyah, einer frühen kharajitischen Sekte im 7. Jhd. nach Christi, also in der formativen frühen Periode des Islam überliefert. Es gibt aber auch eine Reihe von klassischen anerkannten Gelehrten des sunnitischen und schiitischen Mainstreams, die weibliche Imame vor einer gemischten Gemeinde für erlaubt erklärt haben. Darüber gibt es allerdings bis heute sehr unterschiedliche Positionen. Die Mehrheit der praktizierenden Muslime lehnt das sicherlich ab (so wie die Mehrheit der christlichen Kirchen die Frauenordination ablehnen – wobei VorbeterInnen natürlich keine PriesterInnen sind!).
Wie viele Fragen innerhalb des Islams wurde auch diese Frage immer wieder kontroversiell diskutiert. Die Tatsache, dass nun in Berlin eine Moschee mit einer weiblichen Imamin eröffnet wurde ist jedenfalls keine völlig sensationelle Neuerung. Und selbst, dass dort gemischtgeschlechtlich gebetet wird, ist nichts einzigartiges. Der Liberal-Islamische Bund hat seit einigen Jahren in Köln, Frankfurt, Berlin, Stuttgart und Hamburg kleine Gemeinden mit inklusiven egalitären Gebeten, bei denen Frauen und Männer gemeinsam beten und – laut seiner Website auch „islamische Eheschließungen durch unsere Imamin und unseren Imam“.
Seyran Ateşs Ibn-Rushd-Goethe-Moschee ist also auch in Deutschland nichts völlig Neues. Bis jetzt haben die meisten Medien sich nur nicht für diese Entwicklung interessiert.

Befreiung ohne Rückkehr

Am 25. Mai befreiten jedidische Einheiten gemeinsam mit schiitischen Volksmobilisierungseinheiten das jesidische Dorf Kojo (Kurdisch: Koço) aus den Händen des so genannten Islamischen Staates. Was für die Überlebenden BewohnerInnen des Dorfes großer Anlass zur Freude ist, verkompliziert zugleich die Situation in der Region.

Kojo wurde am 15. August 2014 zu einem Symbol der Massaker des so genannten Islamischen Staates gegen die Jesidi, nachdem die Jihadisten rund 420 Männer des im Südwesten der Stadt Sinjar gelegenen Dorfes an einem einzigen Tag ermordet hatten. Ich kann mich noch gut erinnern mit welch bewegter Stimme der Bruder des bei dem Massaker ermordeten Bürgermeister von Kojo uns im Jänner 2015 über seine Telefonate mit seinem bereits in der Gewalt der Jihadisten befindlichen Bruder berichtete: „Vom zehnjährigen Jungen bis zum achzigjährigen Mann haben sie jeden umgebracht!“ Die Leichen der getöteten wurden oberflächlich verscharrt. Viele wurden von Hunden ausgegraben und gefressen. Das ganze Gebiet ist voller Massengräber auf denen Knochen, Schädel und Kleidungsreste verstreut liegen.

Siebzehn Männer hätten überlebt, weil sie sich verletzt unter den Leichenbergen tot gestellt hätten, erzählte uns damals der verzweifelte Mann. Im Sommer 2015 traf ich Naif Mato nochmals. Bereits damals war er sehr unzufrieden mit der politischen Führung der Autonomieregion Kurdistans, deren Peshmerga zwar Teile der Region befreit hatten, jedoch seit Monaten nicht mehr weiter vorrückten. Nach der Befreiung der Stadt Sinjar (Kurdisch: Shingal) im November 2015 rückten die kurdischen Kämpfer nicht weiter nach Süden vor, bis heuer schließlich viele der Männer aus Kojo ihre Geduld verloren und sich in eigenen jesidischen Brigaden den überwiegend schiitischen Volksmobilisierungseinheiten anschlossen, die nun von Süden her in das noch vom IS gehaltene jesidische Gebiet vordrangen und Kojo befreiten. Einer von ihnen war Naif Mato, der Bruder des 2014 getöteten Bürgermeisters.

Rivalitäten und Spannungen mit den Peshmerga

Vor Ort verkompliziert dies die ohnehin fragile Situation weiter. Seit Ende 2015 stehen sich die PKK-nahen jesidischen Widerstandseinheiten von Shingal YBŞ und den Peschmerga der kurdischen Regierungspartei PDK feindlich gegenüber. Dazwischen befanden sich die von Shingal HPÊ von Heydar Şeşo. Nun kommen noch die Lalish Brigade und andere jesidische Einheiten dazu, die mit den Volksmobilisierungseinheiten kämpfen.

So sehr sich die Vertriebenen aus Kojo über die Befreiung ihres Dorfes freuen, so wenig Freude scheint die Regierung der Autonomieregion Kurdistans damit zu haben. Die dort regierende Demokratische Partei Kurdistans PDK von Masud Barzani kontrolliert auch die Peshmerga in der Region und hat diese angewiesen, niemanden in die von den Volksmobilisierungseinheiten befreiten Gebiete durchzulassen. So scheiterte denn bislang auch eine erste Gruppe von Männer aus Kojo, die gleich am nächsten Tag über Shingal nach Kojo fahren wollten an den kurdischen Peschmerga. Auch diese sind eigentlich Jesidi aus der Region und wer inoffiziell mit diesen spricht findet auch bei ihnen nur wenig Verständnis für die Anordnung aus Erbil, niemanden in das frisch befreite Gebiet durchzulassen. Bei manchen jesidischen Intellektuellen werden damit schon Befürchtungen genährt, die derzeitige Trennlinie zwischen Peschmerga und den Volksmobilisierungseinheiten könnte eine zukünftige Grenze zwischen Kurdistan und dem Rest des Irak markieren und damit das jesidische Gebiet teilen.

Sacharow-Preisträgerinnen für freien Zugang

Für einen freien Zugang in ihr Heimatdorf setzen sich auch die beiden prominentesten Bürgerinnen von Kojo ein: Nadia Murad und Lamiya Adji Bashar, die wie viele Frauen aus Kojo vom IS gekidnappt wurden und heute der Weltöffentlichkeit über ihr Schicksal berichten. Beide erhielten 2016 den Sacharow-Preis des EU-Parlaments, der nach dem Friedensnobelpreis als der wichtigste Menschenrechtspreis weltweit gilt. Lamiya Adji Bashar brachte am Freitag ihre Besorgnis zum Ausdruck: „Mein Dorf ist zwar befreit, aber die Reste der Leichen meiner Angehörigen, Verwandten und Dorfbewohner liegen noch immer da und wurden noch nicht geborgen. Noch dazu verschärfen die Konflikte zwischen den Machthabenden unterschiedlichen irakischen und kurdischen Kräfte, was unsere Rückkehr erschweren wird.“

Beiträge aus dem Kaukasus

Vor Kurzem habe ich endlich den Nordkaukasus besucht und bin noch daran die vielen Eindrücke aus einer Region zu verarbeiten, die ich bisher v.a. aus der Literatur und aus den Erzählungen von Flüchtlingen aus der Region kennen lernte. Meine Reise über Tschetschenien, Inguschetien und Ossetien nach Georgien war zwar kein Forschungsaufenthalt, das politikwissenschaftliche Interesse kann man aber natürlich nie ganz abschalten. Im nächsten Falter werdet Ihr von mir einen ausführlichen Tschetschenien-Artikel von mir finden und seit heute gibt’s auf meinem Standard-Blog einen Blogbeitrag zum ossetisch-inguschischen Verhältnis und was das mit Russland und Stalin zu tun hat: http://derstandard.at/2000057925317/Ueberraschende-Grenzen-und-antiterroristische-Operationen-im-Nordkaukasus

Die andere Dissemination

Es ist schon wirklich nett, wenn man bemerkt, dass die eigene Forschungsarbeit auf unterschiedlichen Wegen disseminiert wird und ein Eigenleben bekommt. In letzter Zeit machen mich immer mehr FreundInnen darauf aufmerksam, dass ich mit meinen Jihadismus-Analysen in diesem Song von Def III vorkomme. Finde ich ja wirklich eine sehr coole Überraschung, dass meine eigene Arbeit auf diese ganz andere Art verbreitet wird. Und weil ich zugegebenermaßen sehr stolz darauf bin, hier der Link dazu:

Türkei verhaftet jesidische Abgeordnete

Wenige Stunden nach dem Bombardement von jesidischen Stellungen im irakischen Sindschar-Gebirge durch die türkische Luftwaffe ist heute die jesidische Parlamentsabgeordnete Feleknas Uca verhaftet worden. Die 1976 in Celle in Deutschland geborene und aufgewachsene Abgeordnete der linken pro-kurdischen HDP ist die erste jesidische Abgeordnete in der Geschichte der Türkei und war von 1999 bis 2009 deutsche Abgeordnete im Europaparlament.

Als HDP-Abgeordete ist sie seit November 2015 auch Ersatzmitglied der parlamentarischen Versammlung des Europarates, also gewissermaßen des Parlaments des Europarates. Dies dürfte bisher ihre Verhaftung verhindert haben. Wie gegen viele ihrer ParteikollegInnen, wurde allerdings auch gegen sie bereits seit längerem ermittelt. Wie den anderen verhafteten Mitgliedern der HDP wird auch Feleknas Uca Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation vorgeworfen.

Ob nun auch eine formale Untersuchungshaft gegen die Abgeordnete des türkischen Parlaments verhängt wird, ist noch unklar. Türkische Medien meldeten ihre Verhaftung und an ihrem Handy ist die Abgeordnete nicht erreichbar. Mit der Verhaftung eines Ersatzmitglieds der parlamentarischen Versammlung des Europarates, gehen die türkischen Behörden jedoch auch auf Konfrontation mit einer der wenigen europäischen Institutionen in denen die Türkei Vollmitglied ist.

Türkische Bomben auf die Êzîdî in Sinjar/Şingal

Die Türkei greift die Êzîdî in der Region Sinjar/Şingal im Irak und die kurdischen Gebiete in Syrien mit der Luftwaffe an.

Bis zu 15 Luftschläge soll die türkische Luftwaffe nach Augenzeugen aus Sinjar/Şingal gegen Stellungen von kurdischen und êzîdîschen Einheiten heute Nacht durchgeführt haben. Betroffen waren davon aber auch ZivilistInnen. Êzîdîsche Flüchtlinge berichten, dass sie in der Nacht von den Einschlägen der türkischen Bomben aus dem Schlaf gerissen worden sind. Die Luftschläge erfolgten laut êzîdîschen Quellen in der Nähe mehrere Flüchtlingslager, in denen sich seit August 2014 tausende êzîdîsche Flüchtlinge aufhalten. Bis 4:00 Uhr morgens hätte die türkische Luftwaffe die Region bombardiert. Eine genaue Opferzahl liegt bislang nicht vor. Êzîdî aus der Region sprechen von etwa 20 Opfern.
Sinjar/Şingal als Spielball der regionalen Konflikte
Als „Kampf gegen den Terror“ betrachtet die türkische Regierung einmal mehr ihre heute Nacht durchgeführten Luftangriffe auf die kurdischen Gebiete in Syrien (Rojava) und die Siedlungsgebiete der Êzîdî in Irakisch-Kurdistan. Tatsächlich richteten sich die in der Nacht geführten Militärschläge gegen die in Syrisch-Kurdistan regierende Schwesterpartei der PKK, die Demokratische Unionspartei PYD und die von dieser gegründeten Volksverteidigungseinheiten YPG, sowie gegen eine mit der PKK verbündete Miliz der Êzîdî, die Widerstandseinheiten von Şingal YBŞ. Letztere hatte gemeinsam mit der YPG und PKK im Sommer 2014, als der so genannte Islamische Staat die Êzîdî in Sinjar/Şingal überfiel eine wichtige Rolle bei der Rettung der Überlebenden auf dem Berg Sinjar/Şingal gespielt. Seither sind die YBŞ eine von mehreren Milizen, die in der Region präsent sind. Die Spannungen zwischen YBŞ und den Peshmerga der PDK (mit den HPÊ von Heydar Şeşo dazwischen) waren schon im Sommer 2016 unübersehbar. Auch die Spannungen in Syrisch-Kurdistan (Rojava) zwischen PYD/YPG und Kurdischem Nationalrat haben in den letzten Monaten zugenommen. Die innerkurdische Rivalität zwischen Masud Barzanis PDK aus dem Irak und der PKK spitzt sich seit Monaten gerade in Sinjar/Şingal zu. Anfang März kam es in diesem Zusammenhang auch zu einer kurzen militärischen Auseinandersetzung zwischen den von Masud Barzani ausgerüsteten und unterstützten sunnitischen Rojava Peshmerga und den YBŞ.
Kriegspartei Türkei
Die Luftangriffe der Türkei dürften in diesem Konflikt eine neue Eskalationsstufe darstellen. Heute Nacht ging es nicht mehr um einen innerkurdischen Konflikt. Vielmehr erhält der Konflikt durch den türkischen Angriff und dessen Verurteilung durch den Irak eine internationale Komponente. Zu den Toten auf kurdischer Seite zählen diesmal auch keineswegs nur Angehörige er YBŞ, sondern neben ZivilistInnen angeblich auch Angehörige der Peshmerga, also der zu Masud Barzanis Regionalregierung Kurdistans zählenden Rivalen der YBŞ.
Die Türkei greift damit zu einem Zeitpunkt militärisch ein, in dem in der Region die Kämpfe gegen den so genannten Islamischen Staat an Intensität gewinnen. Viel wichtiger dürfte allerdings wohl die Tatsache sein, dass Präsident Erdoğan innenpolitisch durch den knappen – und von Wahlfälschungsvorwürfen begleiteten – Ausgang seines Referendums unter Druck gekommen ist und mit seinem „Kampf gegen den Terror“ einmal mehr auf die nationalistische Karte setzen will. Die Leidtragenden dieser Politik sind jene, die sich am wenigsten wehren können: Die Opfer des Genozids von 2014, die Êzîdî von Sinjar/Şingal.

Ja- und Neinsager: Die Türkei bleibt instabil

Die Volksabstimmung über Erdoğans Präsidialsystem ist trotz Manipulationen knapp ausgefallen. Vom Präsidenten gibt es bislang keine staatsmännische Geste der Versöhnung. Die Opposition hat eine Reihe von Wahlanfechtungen angekündigt. Das Ja- und das Nein-Lager stehen sich auch nach der Abstimmung feindlich gegenüber.

Hopa, ganz im Osten der Schwarzmeerküste hat gegen das neue Präsidialsystem gestimmt. Auch am Tag nach der Abstimmung sind in der Stadt ausschließlich Plakate der Nein-Kampagne zu finden. Viele wurden zwar heruntergekratzt. Das Ergebnis war allerdings eindeutig: Über 65% haben hier gegen das Präsidialsystem gestimmt. In der Industrie- und Tee-Region, in der noch viele Angehörige der kaukasischen Minderheit der Lazen leben, konnte sich die AKP nicht durchsetzen.
Wenige Kilometer weiter im Westen zeigt sich ein anderes Bild. In der Provinz Rize haben 75% für das Präsidialsystem gestimmt. Rize ist eine der AKP-Hochburgen. Hier gibt es eine Recep Tayyip Erdoğan Üniversitesi. Wer hier mit dem Bus fährt muss aus dem Lautsprecher auch Lobeslieder auf den türkischen Präsidenten über sich ergehen lassen. Nur eine einzige Gemeinde der Provinz, das am nächsten bei Hopa liegende Fındıklı hat knapp dagegen gestimmt. Dementsprechend präsent sind die Dankesplakate des Präsidenten an Rize.
In Hemşin, einem kleinen Ort im Hinterland fragt der Kellner im Kaffeehaus gleich ob wir Recep Tayyip Erdoğan kennen würden. Er würde ihn lieben. Die Leute drüben in Hopa wären alles Kommunisten, deshalb hätten sie gegen den Präsidenten gestimmt. Aber hier in Rize wären „alle“ Unterstützer des Präsidenten.
Ganz dürfte das nicht stimmen. Im Ortsbild fallen auch Parteibüros der kemalistischen CHP und der Demokratischen Linkspartei auf. 34,8% hatten hier mit Nein gestimmt und das in einem Ort, der von zum Islam konvertierten ArmenierInnen, den so genannten Hemşinli bewohnt wird. Während in den Dörfern der Hemşinli weiter östlich um Hopa weiter ihr eigener armenischer Dialekt gesprochen wird, ging man hier allerdings im 19. Jahrhundert bereits dazu über Türkisch zu sprechen. „Die Amerikaner und Israelis“ würden hier Zwietracht zwischen Türken, Kurden, Lazen und Hemşinli sähen wollen um die Türkei zu schwächen. Für ihn wären das aber alles Türken und er wäre stolz darauf Türke zu sein.

Liebe zum Reis

Wer in Hemşin, Rize oder einer der anderen Küstenstädte der Provinz mit Wählern spricht, die sich für das neue Präsidialsystem ausgesprochen haben, hört als Antwort auf die Frage warum sie für das neue System gestimmt hätten keinerlei Ausführungen über die türkische Verfassung. Vielen WählerInnen ist es nicht einmal klar über was hier eigentlich abgestimmt wurde. Vielmehr gelang es der AKP die Abstimmung zu einer Abstimmung über den Reis, den Präsidenten persönlich werden zu lassen. Wer Erdoğan liebt hat für ja gestimmt.
Und in Rize, Konya oder Yozgat lieben ihn viele WählerInnen. In diesen konservativ-nationalistischen Provinzen der Türkei haben viele vom ökonomischen Aufschwung unter der AKP-Regierung profitiert. Zudem haben viele dieser religiös-konservativen das Gefühl endlich nach Jahren der Benachteiligung an die ihnen zustehenden Futtertröge gekommen zu sein.
In Yozgat waren es über 74% die für ihr Idol gestimmt haben. In Akdağmadeni, jener Kleinstadt aus der in den 1970er-Jahren die meisten Arbeitsmigranten nach Österreich gekommen sind, gar über 79%.

Fans in der Diaspora

Ist es hier sehr verwunderlich, wenn deren Nachkommen in Österreich ein ähnliche Abstimmungsverhalten an den Tag gelegt haben. Damals kamen selbstverständlich nicht die gebildeten städtischen Mittelschichten nach Österreich um schlecht bezahlte Hilfsarbeitertätigkeiten auszuüben. Warum hatten diese auch kommen sollen? Von österreichischer Seite war man ja einer Unterschichtung der österreichischen ArbeiterInnenschaft interessiert und brauchte ungelernte Arbeitskräfte. Dass deren Nachkommen zwei Generationen später immer noch kaum über Aufstiegschancen verfügen und sich ständig rassistischen Diskriminierungen ausgesetzt fühlen, hat wohl auch dazu beigetragen sie in die Arme jener zu treiben, die ihnen einreden endlich wieder auf eine „starke Türkei“ stolz sein zu dürfen. Die Reaktionen europäischer Regierungen auf geplante Wahlkampfauftritte von AKP-PolitikerInnen, wurden hier in der Türkei und in der Diaspora geschickt in die Propaganda der Ja-Kampagne eingebaut.

Nein-Sager in Kurdistan und den Städten

Erwartungsgemäß gegen das Präsidialsystem wurde in den kurdischen Landesteilen gestimmt, wo seit Dezember 2015 de facto wieder kriegsähnliche Bedingungen herrschen. Aus diesen Regionen kommen aber auch einige der stärksten Indizien für Wahlfälschungen. Viele der wenigen kurdischen Ja-Stimmen waren wohl auch keine.
Was aber noch viel bedeutender sein könnte ist, dass Erdoğan sämtliche größeren Städte verloren hat. Sowohl Istanbul, als auch Ankara und Izmir haben mit nein gestimmt. Hier gibt es natürlich auch die alten kemalistischen Eliten und liberale und linke Intellektuelle. Trotzdem gewann in Istanbul über Jahre hinweg die AKP Wahlen. Es mussten hier also auch Teile der islamisch-konservativen Basis der AKP mit nein gestimmt haben. Tatsächlich gab es ja im Vorfeld auch eine islamistische Nein-Kampagne, der u.a. die Saadet Partisi angehörte, also jene Partei die wie die AKP aus der alten Fazilet-Partei Necmettin Erbakans hervorgegangen ist.
Auch die rechtsextreme MHP war gespalten. Während die offizielle Parteiführung für das Präsidialregime warb, führte die wichtigste Konkurrentin des Parteicheft eine eigene rechtsnationalistische Nein-Kampagne.

Permanente Mobilisierung

Um das neue Präsidialregime in Kraft treten zu lassen muss Erdoğan nun erst einmal Neuwahlen durchführen und es ist angesichts dieses knappen Ergebnisses keineswegs klar, dass Erdoğan noch eine Mehrheit hinter sich hat. Erdoğan hat in den ersten Tagen nach der Abstimmung nicht auf Ausgleich gesetzt, sondern auf weitere Konfrontation. Schon in einer Siegesrede erwähnte er erneut das Ziel die Todesstrafe wieder einzuführen. Auf die Türkei warten damit weitere Monate eines sich zuspitzenden Wahlkampfes, der wohl nicht weniger konfrontativ sein wird, wir die Abstimmung vom vergangenen Sonntag.
Das System Erdoğan funktioniert mittlerweile nur noch durch permanente Mobilisierung der eigenen Gefolgschaft. Es ist eine Liebesgeschichte und ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem Führer und seinen Massen geworden.
Nicht zu Unrecht fürchten sich manche liberale Intellektuelle deshalb bereits vor einem Bürgerkrieg. Genau diese Furcht lässt manche jedoch in ihrem Widerstand zögern. Sicher bleibt damit nur, dass die Türkei weiterhin unruhigen Zeiten entgegensehen wird. Der Autoritarismus der derzeitigen Herrscher ist auch ein Ausdruck ihrer Unsicherheit. Beide Seiten scheinen sich derzeit vor einander zu fürchten und Furcht ist tatsächlich ein Rohstoff aus dem schon manch Bürgerkrieg entstand.