Archiv für den Monat Juni 2017

Weibliche Imaminnen: Nichts Neues im Islam

Derzeit verbreiten fast alle Medien die Falschinformation, dass Seyran Ateş sensationellerweise die erste weibliche Imamin wäre. Leider scheint sich fast kein Journalist bzw. keine Journalistin mit dem Thema beschäftigt zu haben.
Seyran Ateş hat hier keineswegs etwas völlig neues begonnen. In verschiedenen Teilen der islamischen Welt gibt es seit Jahrhunderten weibliche Imame. Weibliche Imame gibt es in Marokko, Indonesien, im Iran, in Südafrika, den USA, Dänemark, Großbritannien und einer Reihe anderer Staaten. In China gibt es sogar eigene Frauenmoscheen. Zwei der klassischen vier Rechtsschulen des sunnitischen Islam haben weibliche Imame immer akzeptiert. Die Hanafiten haben weibliche Imame als makrūh (missbilligt) betrachtet, die Malikiten ganz abgelehnt. Aber unter Schafiiten und Hanbaliten hat es das immer gegeben. Auch in Deutschland und Österreich gibt es schon seit Jahren weibliche Imaminnen, nicht sehr viele, aber es gibt sie. In einem Bericht der Deutschen Welle von 2008 – also vor fast 10 Jahren – ist von 13 Imaminnen in Deutschland die Rede. Das einzige was wirklich sehr umstritten ist, ist die Frage ob Frauen bei einem gemeinsamen Gebet von Frauen und Männern als Vorbeterinnen tätig sein können. Auch hier gibt es verschiedene Beispiele in der islamischen Geschichte, dass dies zumindest bei verschiedenen Sekten immer wieder der Fall war. Die frühesten Überlieferungen von Frauen geführten gemischten Gebeten sind meines Wissens nach von der Haruriyyah, einer frühen kharajitischen Sekte im 7. Jhd. nach Christi, also in der formativen frühen Periode des Islam überliefert. Es gibt aber auch eine Reihe von klassischen anerkannten Gelehrten des sunnitischen und schiitischen Mainstreams, die weibliche Imame vor einer gemischten Gemeinde für erlaubt erklärt haben. Darüber gibt es allerdings bis heute sehr unterschiedliche Positionen. Die Mehrheit der praktizierenden Muslime lehnt das sicherlich ab (so wie die Mehrheit der christlichen Kirchen die Frauenordination ablehnen – wobei VorbeterInnen natürlich keine PriesterInnen sind!).
Wie viele Fragen innerhalb des Islams wurde auch diese Frage immer wieder kontroversiell diskutiert. Die Tatsache, dass nun in Berlin eine Moschee mit einer weiblichen Imamin eröffnet wurde ist jedenfalls keine völlig sensationelle Neuerung. Und selbst, dass dort gemischtgeschlechtlich gebetet wird, ist nichts einzigartiges. Der Liberal-Islamische Bund hat seit einigen Jahren in Köln, Frankfurt, Berlin, Stuttgart und Hamburg kleine Gemeinden mit inklusiven egalitären Gebeten, bei denen Frauen und Männer gemeinsam beten und – laut seiner Website auch „islamische Eheschließungen durch unsere Imamin und unseren Imam“.
Seyran Ateşs Ibn-Rushd-Goethe-Moschee ist also auch in Deutschland nichts völlig Neues. Bis jetzt haben die meisten Medien sich nur nicht für diese Entwicklung interessiert.

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