Archiv für den Monat Mai 2017

Befreiung ohne Rückkehr

Am 25. Mai befreiten jedidische Einheiten gemeinsam mit schiitischen Volksmobilisierungseinheiten das jesidische Dorf Kojo (Kurdisch: Koço) aus den Händen des so genannten Islamischen Staates. Was für die Überlebenden BewohnerInnen des Dorfes großer Anlass zur Freude ist, verkompliziert zugleich die Situation in der Region.

Kojo wurde am 15. August 2014 zu einem Symbol der Massaker des so genannten Islamischen Staates gegen die Jesidi, nachdem die Jihadisten rund 420 Männer des im Südwesten der Stadt Sinjar gelegenen Dorfes an einem einzigen Tag ermordet hatten. Ich kann mich noch gut erinnern mit welch bewegter Stimme der Bruder des bei dem Massaker ermordeten Bürgermeister von Kojo uns im Jänner 2015 über seine Telefonate mit seinem bereits in der Gewalt der Jihadisten befindlichen Bruder berichtete: „Vom zehnjährigen Jungen bis zum achzigjährigen Mann haben sie jeden umgebracht!“ Die Leichen der getöteten wurden oberflächlich verscharrt. Viele wurden von Hunden ausgegraben und gefressen. Das ganze Gebiet ist voller Massengräber auf denen Knochen, Schädel und Kleidungsreste verstreut liegen.

Siebzehn Männer hätten überlebt, weil sie sich verletzt unter den Leichenbergen tot gestellt hätten, erzählte uns damals der verzweifelte Mann. Im Sommer 2015 traf ich Naif Mato nochmals. Bereits damals war er sehr unzufrieden mit der politischen Führung der Autonomieregion Kurdistans, deren Peshmerga zwar Teile der Region befreit hatten, jedoch seit Monaten nicht mehr weiter vorrückten. Nach der Befreiung der Stadt Sinjar (Kurdisch: Shingal) im November 2015 rückten die kurdischen Kämpfer nicht weiter nach Süden vor, bis heuer schließlich viele der Männer aus Kojo ihre Geduld verloren und sich in eigenen jesidischen Brigaden den überwiegend schiitischen Volksmobilisierungseinheiten anschlossen, die nun von Süden her in das noch vom IS gehaltene jesidische Gebiet vordrangen und Kojo befreiten. Einer von ihnen war Naif Mato, der Bruder des 2014 getöteten Bürgermeisters.

Rivalitäten und Spannungen mit den Peshmerga

Vor Ort verkompliziert dies die ohnehin fragile Situation weiter. Seit Ende 2015 stehen sich die PKK-nahen jesidischen Widerstandseinheiten von Shingal YBŞ und den Peschmerga der kurdischen Regierungspartei PDK feindlich gegenüber. Dazwischen befanden sich die von Shingal HPÊ von Heydar Şeşo. Nun kommen noch die Lalish Brigade und andere jesidische Einheiten dazu, die mit den Volksmobilisierungseinheiten kämpfen.

So sehr sich die Vertriebenen aus Kojo über die Befreiung ihres Dorfes freuen, so wenig Freude scheint die Regierung der Autonomieregion Kurdistans damit zu haben. Die dort regierende Demokratische Partei Kurdistans PDK von Masud Barzani kontrolliert auch die Peshmerga in der Region und hat diese angewiesen, niemanden in die von den Volksmobilisierungseinheiten befreiten Gebiete durchzulassen. So scheiterte denn bislang auch eine erste Gruppe von Männer aus Kojo, die gleich am nächsten Tag über Shingal nach Kojo fahren wollten an den kurdischen Peschmerga. Auch diese sind eigentlich Jesidi aus der Region und wer inoffiziell mit diesen spricht findet auch bei ihnen nur wenig Verständnis für die Anordnung aus Erbil, niemanden in das frisch befreite Gebiet durchzulassen. Bei manchen jesidischen Intellektuellen werden damit schon Befürchtungen genährt, die derzeitige Trennlinie zwischen Peschmerga und den Volksmobilisierungseinheiten könnte eine zukünftige Grenze zwischen Kurdistan und dem Rest des Irak markieren und damit das jesidische Gebiet teilen.

Sacharow-Preisträgerinnen für freien Zugang

Für einen freien Zugang in ihr Heimatdorf setzen sich auch die beiden prominentesten Bürgerinnen von Kojo ein: Nadia Murad und Lamiya Adji Bashar, die wie viele Frauen aus Kojo vom IS gekidnappt wurden und heute der Weltöffentlichkeit über ihr Schicksal berichten. Beide erhielten 2016 den Sacharow-Preis des EU-Parlaments, der nach dem Friedensnobelpreis als der wichtigste Menschenrechtspreis weltweit gilt. Lamiya Adji Bashar brachte am Freitag ihre Besorgnis zum Ausdruck: „Mein Dorf ist zwar befreit, aber die Reste der Leichen meiner Angehörigen, Verwandten und Dorfbewohner liegen noch immer da und wurden noch nicht geborgen. Noch dazu verschärfen die Konflikte zwischen den Machthabenden unterschiedlichen irakischen und kurdischen Kräfte, was unsere Rückkehr erschweren wird.“

Beiträge aus dem Kaukasus

Vor Kurzem habe ich endlich den Nordkaukasus besucht und bin noch daran die vielen Eindrücke aus einer Region zu verarbeiten, die ich bisher v.a. aus der Literatur und aus den Erzählungen von Flüchtlingen aus der Region kennen lernte. Meine Reise über Tschetschenien, Inguschetien und Ossetien nach Georgien war zwar kein Forschungsaufenthalt, das politikwissenschaftliche Interesse kann man aber natürlich nie ganz abschalten. Im nächsten Falter werdet Ihr von mir einen ausführlichen Tschetschenien-Artikel von mir finden und seit heute gibt’s auf meinem Standard-Blog einen Blogbeitrag zum ossetisch-inguschischen Verhältnis und was das mit Russland und Stalin zu tun hat: http://derstandard.at/2000057925317/Ueberraschende-Grenzen-und-antiterroristische-Operationen-im-Nordkaukasus

Die andere Dissemination

Es ist schon wirklich nett, wenn man bemerkt, dass die eigene Forschungsarbeit auf unterschiedlichen Wegen disseminiert wird und ein Eigenleben bekommt. In letzter Zeit machen mich immer mehr FreundInnen darauf aufmerksam, dass ich mit meinen Jihadismus-Analysen in diesem Song von Def III vorkomme. Finde ich ja wirklich eine sehr coole Überraschung, dass meine eigene Arbeit auf diese ganz andere Art verbreitet wird. Und weil ich zugegebenermaßen sehr stolz darauf bin, hier der Link dazu: