Aleppo, al-Fu’ah und Kafarya: Oder warum Menschenrechte unteilbar sind und Aleppo nicht für türkisch-nationalistische und politisch-salafitische Propaganda missbraucht werden darf

Es ist schwierig dieser Tage seriöse Informationen aus dem Nordwesten Syriens zu bekommen, allerdings zeichnet sich immer mehr ab, dass die Verzögerungen im Abtransport der ZivilistInnen aus Aleppo keineswegs nur in der Verantwortung des Regimes bzw. Russlands liegen. Selbst Oppositionelle Quellen, wie die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte, bestätigen mittlerweile, dass die Jabhat Fatah ash-Sham den Abtransport der ZivilistInnen aus den von dieser belagerten schiitischen Enklaven al-Fu’ah und Kafarya bislang verhindert hat. Genau dies war allerdings Teil des Gesamtdeals. Damit wird auf Kosten der ZivilistInnen in Aleppo und al-Fu’ah und Kafarya weiter Politik gemacht.
Diese beiden Enklaven werden seit dem März 2015 von den Jihadisten der Jabhat Fatah ash-Sham belagert und verdienen genauso unsere Aufmerksamkeit, wie die vom Regime belagerten ZivilistInnen in Aleppo!
Ich würde deshalb auch sofort auf eine Demonstration gehen, die den freien Abzug der ZivilistInnen von Aleppo al-Fu’ah, Kafarya und Aleppo fordern würden, nicht aber auf Demonstrationen, die das Leid der ZivilistInnen in Aleppo für politisch-salafitische oder türkisch-nationalistische Propaganda missbrauchen.
Was geschehen kann, wenn man in einem Bürgerkrieg wie Syrien auf einem Auge blind bleibt und unkritisch der Propaganda einer Seite folgt, zeigt sich derzeit am Rande verschiedener Demonstrationen „für Aleppo“. Längst dominieren türkische Nationalisten und RechtsextremistInnen, sowie politische Salafiten und Jihadisten das Bild auf solchen Demonstrationen. Gestern, am Samstag Abend, kam es am Rande einer solchen Demonstration in Wien gar zu einem brutalen Übergriff gegen kurdische DemonstrantInnen.
KurdInnen, die aus dem Kurdischen Nationalrat in Syrien (ENKS) kommen und nicht der PYD oder PKK angehören, sondern in ständigem Konflikt mit der PYD stehen, hielten heute eine kleine Kundgebung in Wien ab. Auf dem Rückweg wurden zwei Personen, darunter eine Frau in einer U-Bahn-Station angegriffen. Die Frau wurde dabei laut Angaben ihrer FreundInnen so schwer verprügelt, dass sie sogar kurz bewußtlos gewesen sein soll.

Von türkischen Nationalisten verprügeltes Mitglied der PDK-S am 17.12.2016 in Wien

Von türkischen Nationalisten verprügeltes Mitglied der PDK-S am 17.12.2016 in Wien


Eine von türkischen Nationalisten verprügelte Kurdin wird von ihren Freunden weggetragen, 17.12. 2016.

Eine von türkischen Nationalisten verprügelte Kurdin wird von ihren Freunden weggetragen, 17.12. 2016.


Die Gruppe der Angreifer kamen offenbar selbst von der Aleppo-Demonstration, auf der sehr viele türkische NationalistInnen bzw. türkische Fahnen zu sehen waren. Es ging bei diesem Angriff nicht um die PKK, sondern offensichtlich lediglich darum, dass es sich um KurdInnen handelte. Vielmehr handelte es sich bei den beiden Opfern um Mitglieder der PDK-S also jener Schwesterpartei von Barzanis PDK im Irak, die in ständigem Konflikt mit der in Rojava regierenden PYD bzw. der PKK steht und die eigentlich über gute Beziehungen zur Türkei verfügt.
Menschenrechte weren immer mehr selektiv wahrgenommen, gelten offenbar für viele nur dann, wenn es sich um die eigene Gruppe handelt. Einem solchen instrumentallen Menschenrechtsverständnis ist mit aller Entschiedenheit entgegenzutrete: Lernen wir endlich wieder einmal, dass Menschenrechte unteilbar sind und auch in Syrien sowohl für Sunniten als auch für Schiiten gelten, sowohl für alle Arten von RegimegegnerInnen als auch für RegimeunterstützerInnen!

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