Die Entscheidung in Aleppo als Chance für Frieden?

Ob man es will oder nicht, man wird mit Russland und dem Iran nun über die Zukunft Syriens reden müssen. Letztlich scheint Russland auch zentral für den derzeit funktionierenden Deal zur Räumung Ost-Aleppos verantwortlich zu sein. Nach dem Versagen Europas und der USA und Europas in Syrien sind das nun die einzigen beiden Mächte, die Assad dazu zwingen könnten, sich als generöser Sieger zu verhalten und sich bei seinem Rachefeldzug gegen ZivilistInnen wenigstens im Zaum zu halten.
Für die Demokratiebewegung war der Nordwesten Syriens ohnehin spätestens seit dem Herbst 2013 verloren, als sich die „Islamische Front“ bildete und die säkularen, linken und demokratischen Einheiten aus dem Land drängte. Einige von ihnen tauchten dann ab Herbst 2014 wieder als Verbündete der YPG auf und kämpfen heute als Ǧaiš aṯ-Ṯūwār (Armee der Revolutionäre) im Rahmen der Qūwāt Sūriyā ad-dīmuqrāṭīya / Hêzên Sûriya Demokratîk (Syrischen Demokratischen Kräfte) gemeinsam mit den kurdischen YPG/YPJ gegen den IS. Insofern standen sich in Aleppo ohnehin zwei reaktionäre Kräfte gegenüber: Der ehemals säkulare Faschismus der Baath-Partei, der von schiitischen Milizen aus dem Irak, Iran und der libanesischen Hizbollah unterstützt wurde auf der einen Seite und eben der sunnitische Politische Islam der von den Muslimbrüdern inspirierten Harakat Nour al-Din al-Zenki und der jihadistischen Ahrar ash-Sham und der Jabhat Fatah ash-Sham, die bis Ende Juli 2016 noch Teil des globalen al-Qaida Netzwerks war. Dass sich diese Gruppen innerhalb der Rebellen durchsetzen konnten, war primär der Förderung durch die Türkei und die Golfstaaten, sowie der inneren Konfliktdynamik des syrischen Bürgerkriegs geschuldet und kam Assad letztlich zugute. Was die restlichen drei Jahre in Aleppo geschah hatte mit der Revolution nur noch wenig zu tun. Es war ein Bürgerkrieg zweiter reaktionärer und autoritärer Optionen der nun von einer Seite gewonnen wurde.
Der Krieg ist damit allerdings noch lange nicht beendet. Trotzdem könnte der Fall des Rebellen-Teils Aleppos die Situation verändern und den Weg zu einer Dayton-Lösung frei machen; Allerdings nur dann, wenn Russland und der Iran das Regime zu so einer Lösung drängen würden. Assad selbst scheint durch die Eroberung Aleppos eher beflügelt zu sein doch ganz Syrien wieder erobern zu wollen.
Wenn den verbliebenen Rebellen im Norden und den mir ihnen sympathisierenden Teilen der Zivilbevölkerung allerdings kein Ausweg mehr bleibt, dann wird dieser Krieg noch länger dauern und dann werden zumindest die salafitischen Rebellengruppen als terroristische Untergrundgruppen enden. Der einzige Ausweg wäre jetzt ein von Russland mediierter Waffenstillstand. Assad wird nicht mehr wegzubekommen sein und sein Regime wird Teil eines zukünftigen Syriens sein. Es wäre an der Zeit darüber nachzudenken, wie man diesem nun eine Friedenslösung schmackhaft machen kann. Das ist ungerecht gegenüber den vielen Toten dieser Revolution. Es wäre noch ungerechter gegenüber den zukünftigen Toten dieses verlorenen Krieges, es nicht zumindest zu versuchen. Nur so könnten auf Dauer die kurdischen Gebiete abgesichert werden und zumindest Inseln der Pluralität entstehen, die vielleicht irgendwann einmal eine langsame Öffnung Syriens vorantreiben könnten… Irgendwann.

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2 Gedanken zu „Die Entscheidung in Aleppo als Chance für Frieden?

    1. schmidiblog Autor

      Naja, ich würde sagen, dass jetzt allerdings genau das eingetreten ist. Siehe meinen heutigen Blogbeitrag.
      Russland macht das fast unilateral. Die USA und Europa haben in Syrien nicht mehr viel zu sagen.

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