Alle Jahre wieder: Kopftuch in der Schule

Wie alle Jahre wieder geistert auch derzeit wieder einmal die Idee eines Kopftuchverbots an den Schulen durch mediale und sozialmediale Welten. Die sich wiederholenden Argumente stürzen sich dabei meist auf die Frage ob das Kopftuch ein politisches Symbol wäre und ob dieses als Unterdrückungssymbol verstanden und damit für Schülerinnen verboten werden sollte. Die Debatte wird damit stark ideologisiert und oft wenig faktenbasiert geführt.
Dabei wäre es schon einmal hilfreich, wenn wir uns auf ein Ziel einigen könnten, nämlich, dass möglichst viele Kinder unabhängig von der religiösen und politischen Überzeugung ihrer Eltern in eine gute Regelschule gehen und in dieser das Rüstzeug dafür bekommen selbstbestimmte Individuen zu werden, die auch ihre Religionsfreiheit nützen können, also selbst entscheiden können ob sie in der religiösen Tradition ihrer Eltern, einer anderen oder gar keiner religiösen Tradition leben wollen und ebenso selbstbestimmt entscheiden können wie sie sich kleiden und wie sie leben wollen.
Seien wir dabei nicht naiv: Es gibt in unserer Gesellschaft Familien, die diese umfassende Religionsfreiheit ihren Kindern nicht zugestehen wollen und versuchen die Lebensweise ihrer Kinder, insbesondere ihrer Töchter zu bestimmen. Dazu gehören keineswegs nur Teile der muslimischen Communities, sondern unterschiedliche sehr konservative christliche Gruppierungen, ultraothodoxe Juden und sektenhafte Gruppierungen aller Art.
Das Tragen von Kopftüchern bei sehr jungen Mädchen mag ein Zeichen dafür sein, dass die Familien dieser Mädchen die Freiheit dieses Mädchen nicht ausreichend respektieren. Mit Kopftuchverboten kommen wir diesbezüglich allerdings nicht weiter, weil diese Mädchen dann einfach ganz aus den Schulen verschwinden werden. Das Kopftuchverbot hat in Frankreich weder etwas gegen Jihadismus und andere Formen des Politischen Islam ausrichten können, noch zu einer umfassenden Befreiung muslimischer Mädchen vor ihren patriarchalen Vätern geführt. In Österreich wäre es ähnlich: Es gibt in Österreich im Gegensatz zu Deutschland keine allgemeine Schulpflicht für alle, sondern nur eine Ausbildungspflicht. Die Möglichkeit Kinder zu Hause zu unterrichten führt z.B. auch dazu, dass christliche Sekten aus Deutschland nach Österreich emigrieren um ihre Kinder nicht dem vermeintlich schändlichen Einfluss staatlicher Schulen auszusetzen. In Vorarlberg gibt es eine ganze Gemeinschaft von Anhängern der „Gemeinde Gottes“, einer mennonitenähnlichen Freikirche, die sich die letzten Jahre in der Region Bludenz niedergelassen hat, nachdem deren Schule in einer Baden-Würtembergischen Kleinstadt 2009 behördlich geschlossen wurde und deren AnhängerInnen nun dafür sorgen, dass ihre Kinder nur einmal im Jahr bei einer Externistenprüfung mit dem staatlichen Schulsystem in Berührung kommen. Wer die Rechtslage genauer wissen will, kann dies auf der Website der Sieben-Tages-Adventisten nachlesen, die damit ein Service für ihre AnhängerInnen leisten, die ihre Kinder ebenfalls dem staatlichen Einfluss entziehen wollen: http://www.erziehung.at/haeuslicher-unterricht/gesetzliche-grundlagen/
Ich halte es ja grundsätzlich für keine gute Idee, dass es in Österreich keine Schulpflicht gibt und die Kinder auch Externistenprüfungen ablegen können. Aber wenn man das nicht ändert und unter den derzeitigen gesetzlichen Rahmenbedingungen glaubt mit einem Kopftuchverbot weiter zu kommen, dann verschwinden diese Mädchen einfach völlig aus dem Schulsystem. Mir ist es lieber solche Mädchen kommen in eine gute öffentliche Schule, die ihnen auch die intellektuellen Möglichkeiten zur Weiterentwicklung und zum Ausbruch aus repressiven Familienstrukturen in die Hand gibt, als sie verschwinden einfach aus der Öffentlichkeit und wir dürfen uns dann der Illusion hingeben, dass es diese Mädchen einfach nicht gibt.
Im Übrigen wäre es höchst an der Zeit die Debatte einmal auf empirische Grundlagen zu stellen. In Frankreich wurde 2004 das Tragen religiöser Symbole in der Schule verboten, worunter auch das Kopftuch verstanden wurde. Seither sind 12 Jahre vergangen. Dies müsste ausreichen um einmal eine seriöse wissenschaftliche Untersuchung durchzuführen, welche Folgen dieses Verbot hatte: Sind die betroffenen Mädchen seit 2004 alle unverschleiert weiter in staatliche Schulen gegangen oder wurden sie dem Schulsystem entzogen? Wie viele Muslime haben seither die Möglichkeit einer Hausbeschulung ergriffen und wie viele schicken ihre Mädchen weiter in die Regelschule?
Aus meiner Sicht wäre die entscheidende Frage nicht das Kopftuch selbst, sondern wie ich den Druck der Communities auf die Mädchen reduzieren kann. Meines Erachtens wäre da eine allgemeine Schulpflicht, verbunden mit einer verschränkten Ganztagesschule für Alle SchülerInnen, eventuell auch verbunden mit einer längeren Schul-/Ausbildungspflicht (z.B. 12 Jahre, davon mindestens 9 Jahre Schule und höchstens 3 Jahre Lehre) deutlich sinnvoller als Kleidungsvorschriften. Damit haben wir die Kinder diverser sektenhaften Gruppierungen viel länger in der Schule und unter einem gewissen staatlichen Einfluss. Sie müssten sich dabei notwendigerweise bis 18 auch mit Menschen anderer Religionsbekenntnisse auseinandersetzen und würden viel eher die Fähigkeit bekommen mit religiösem Pluralismus umzugehen und eine eigene Position zu entwickeln, als wenn sie nur dem Einfluss ihrer Familie oder ihrer jeweiligen Religionsgemeinschaft ausgesetzt sind.

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