Archiv für den Monat Oktober 2016

Nächste Rund in der Schlacht um Aleppo

Die seit gestern laufenden Rebellen-Offensive in Aleppo, die offensichtlich das Ziel hat, wieder einen Korridor ins eingeschlossene Ost-Aleppo zu öffnen, scheint ziemlich massiv zu sein. Auch russische und pro-regime Quellen melden ziemlich massive Angriffe. Wer die Angriffe genau führt, war für mich nicht zweifelsfrei zu ermitteln. Es scheint aber, dass die Ǧabhat fataḥ aš-Šām, also die ehemalige Ǧabhat an-Nuṣra, die bis Ende Juli auch offiziell der syrische Arm der al-qāʿida war, wohl der militärisch wichtigste Part auf Oppositionsseite darstellt. Die russischen Luftangriffe und die Regierungsoffensiven des heurigen Jahres haben die gemäßigteren (etwa den Muslimbrüdern nahestehende Gruppen, säkulare gibt es in der Region Aleppo ohnehin keine mehr!) Rebellengruppen weiter marginalisiert und in die Arme der Jihadisten getrieben. Jetzt stehen sich auf Regierungsseite v.a. schiitische Milizen aus dem Irak, Iran und Libanon und auf Oppositionsseite Jihadisten gegenüber. Auch auf Regierungsseite gibt es kaum mehr reguläre Truppen, die in Aleppo kämpfen. Ein großteil der Einheiten wird von afghanischen Hazara unter iranischem Kommando, von irakischen und libanesischen (Hizb Allah) Kämpfern gebildet. Gräultaten gegen ZivilistInnen werden sowohl von Oppositionskräfen als auch von Regierungsseite berichtet. Wer auch immer die Schlacht um Aleppo gewinnt, es wird keine zivile Kraft sein, sondern es werden sunnitischen oder schiitische Extremisten sein. Und die Zerstörung der historischen Altstadt wird mit jeder Runde der Kämpfe weiter fortgesetzt…

Offensive gegen den IS in Mosul: Befreiung der Ninive-Ebene

Die Offensive irakischer Truppen, gemeinsam mit kurdischen Peshmerga und ihren schiitischen und assyrichen Verbündeten, bedeutet zunächst auch die Befreiung der Ninive-Ebene östlich von Mosul, die bis zur Eroberung dieses Gebietes durch den IS im August 2014 v.a. von christlichen aramäischsprachigen ChaldäerInnen, AssyrerInnen und Angehörigen der heterodoxen ethno-konfessionellen Minderheit der Shabak bewohnt war. Dazwischen gab es sechs Dörfer der ebenfalls heterodoxen religiösen Minderheit der Kaka’i und zwei von arabischsprachigen Êzîdî bewohnte Dörfer. Die Region war eine der ethnisch und konfessionell am stärksten gemischte Region des Irak und includierte die einzigen Landkreise des Irak in denen aramäischsprachige Christen eine Mehrheit bildeten. Gemeinsam mit den anderen nichtsunnitischen Minderheiten mussten sie im August 2014 vor den heranrückenden Jihadisten des IS fliehen und leben seither in Lagern für Intern Vertriebene in der Kurdistan-Region des Irak.

Flüchtlingskinder von Shabak-Familien aus der Ninive-Ebene in einem IDP-Camp in der Nähe von Erbil, Jänner 2015.

Flüchtlingskinder von Shabak-Familien aus der Ninive-Ebene in einem IDP-Camp in der Nähe von Erbil, Jänner 2015.

Christlich-aramäische Flüchtlinge aus der Ninive-Ebene in Ain Kawa bei Erbil, Jänner 2015.

Christlich-aramäische Flüchtlinge aus der Ninive-Ebene in Ain Kawa bei Erbil, Jänner 2015.


Auf dem Weg nach Mosul werden nun zunächst die Städte und Dörfer dieser Minderheiten befreit. Auch vier Tage nach Beginn der Mosul-Offensive haben die Peshmerga und die irakische Armee mit ihren schiitischen und assyrischen Verbündeten offenbar noch nicht die Stadtgrenze von Mosul erreicht, sondern kämpfen noch um diese Regionen zwischen Kurdistan und der Stadt Mosul.
Von verschiedenen Frontabschnitten gibt es unterschiedliche Nachrichten über die Intensität der Gegenwehr des IS. Einige wichtige christlich-aramäische Orte und Städte in der Ninive-Ebene dürften die letzten Tage befreit worden sein. Gestern wurden die christliche Stadt Bartilla, das christliche Dorf Mar Oraha und das Shabak-Dorf Fathiliya befreit. Auch die beiden von arabischsprachigen Êzîdî bewohnten Dörfer Bahzani and Bashiqa sind mittlerweile umkämpft. Angeblich wurden gestern erste Teile von Bashiqa befreit. In der bereits voreilig als befreit gemeldeten größten christlich-aramäischen Stadt Hamdaniya (auch Baghdeda oder Qaraqosh genannt) ist es allerdings auch gestern wieder zu Kämpfen gekommen. Hamdaniya war mit ca. 50.000 EinwohnerInnen die größte christlich-aramäische Stadt im Irak. Neben vielen historischen Baudenkmälern, wie Kirchen und Klöstern beherbergte sie seit einigen Jahren auch die erste Universität in der Ninive-Ebene. Offenbar hat sich der IS dort in einigen Stadtvierteln weiter verschanzt, was zu Zerstörungen innerhalb der Stadt führen dürfte.
In Kirkuk kam es heute früh zu einem Angriff eines IS-Kommandos auf Einrichtungen in der Stadt, wobei nach kurdischen Quellen alle Angreifer getötet werden konnen.
Die christliche NGO CAPNI melden bislang 5.600 Flüchtlinge aus den vom IS kontrollierten Gebieten, v.a. südlich von Mosul. Diese Zahl könnte sich in den nächsten Tagen jedoch noch deutlich erhöhen.

Alle Jahre wieder: Kopftuch in der Schule

Wie alle Jahre wieder geistert auch derzeit wieder einmal die Idee eines Kopftuchverbots an den Schulen durch mediale und sozialmediale Welten. Die sich wiederholenden Argumente stürzen sich dabei meist auf die Frage ob das Kopftuch ein politisches Symbol wäre und ob dieses als Unterdrückungssymbol verstanden und damit für Schülerinnen verboten werden sollte. Die Debatte wird damit stark ideologisiert und oft wenig faktenbasiert geführt.
Dabei wäre es schon einmal hilfreich, wenn wir uns auf ein Ziel einigen könnten, nämlich, dass möglichst viele Kinder unabhängig von der religiösen und politischen Überzeugung ihrer Eltern in eine gute Regelschule gehen und in dieser das Rüstzeug dafür bekommen selbstbestimmte Individuen zu werden, die auch ihre Religionsfreiheit nützen können, also selbst entscheiden können ob sie in der religiösen Tradition ihrer Eltern, einer anderen oder gar keiner religiösen Tradition leben wollen und ebenso selbstbestimmt entscheiden können wie sie sich kleiden und wie sie leben wollen.
Seien wir dabei nicht naiv: Es gibt in unserer Gesellschaft Familien, die diese umfassende Religionsfreiheit ihren Kindern nicht zugestehen wollen und versuchen die Lebensweise ihrer Kinder, insbesondere ihrer Töchter zu bestimmen. Dazu gehören keineswegs nur Teile der muslimischen Communities, sondern unterschiedliche sehr konservative christliche Gruppierungen, ultraothodoxe Juden und sektenhafte Gruppierungen aller Art.
Das Tragen von Kopftüchern bei sehr jungen Mädchen mag ein Zeichen dafür sein, dass die Familien dieser Mädchen die Freiheit dieses Mädchen nicht ausreichend respektieren. Mit Kopftuchverboten kommen wir diesbezüglich allerdings nicht weiter, weil diese Mädchen dann einfach ganz aus den Schulen verschwinden werden. Das Kopftuchverbot hat in Frankreich weder etwas gegen Jihadismus und andere Formen des Politischen Islam ausrichten können, noch zu einer umfassenden Befreiung muslimischer Mädchen vor ihren patriarchalen Vätern geführt. In Österreich wäre es ähnlich: Es gibt in Österreich im Gegensatz zu Deutschland keine allgemeine Schulpflicht für alle, sondern nur eine Ausbildungspflicht. Die Möglichkeit Kinder zu Hause zu unterrichten führt z.B. auch dazu, dass christliche Sekten aus Deutschland nach Österreich emigrieren um ihre Kinder nicht dem vermeintlich schändlichen Einfluss staatlicher Schulen auszusetzen. In Vorarlberg gibt es eine ganze Gemeinschaft von Anhängern der „Gemeinde Gottes“, einer mennonitenähnlichen Freikirche, die sich die letzten Jahre in der Region Bludenz niedergelassen hat, nachdem deren Schule in einer Baden-Würtembergischen Kleinstadt 2009 behördlich geschlossen wurde und deren AnhängerInnen nun dafür sorgen, dass ihre Kinder nur einmal im Jahr bei einer Externistenprüfung mit dem staatlichen Schulsystem in Berührung kommen. Wer die Rechtslage genauer wissen will, kann dies auf der Website der Sieben-Tages-Adventisten nachlesen, die damit ein Service für ihre AnhängerInnen leisten, die ihre Kinder ebenfalls dem staatlichen Einfluss entziehen wollen: http://www.erziehung.at/haeuslicher-unterricht/gesetzliche-grundlagen/
Ich halte es ja grundsätzlich für keine gute Idee, dass es in Österreich keine Schulpflicht gibt und die Kinder auch Externistenprüfungen ablegen können. Aber wenn man das nicht ändert und unter den derzeitigen gesetzlichen Rahmenbedingungen glaubt mit einem Kopftuchverbot weiter zu kommen, dann verschwinden diese Mädchen einfach völlig aus dem Schulsystem. Mir ist es lieber solche Mädchen kommen in eine gute öffentliche Schule, die ihnen auch die intellektuellen Möglichkeiten zur Weiterentwicklung und zum Ausbruch aus repressiven Familienstrukturen in die Hand gibt, als sie verschwinden einfach aus der Öffentlichkeit und wir dürfen uns dann der Illusion hingeben, dass es diese Mädchen einfach nicht gibt.
Im Übrigen wäre es höchst an der Zeit die Debatte einmal auf empirische Grundlagen zu stellen. In Frankreich wurde 2004 das Tragen religiöser Symbole in der Schule verboten, worunter auch das Kopftuch verstanden wurde. Seither sind 12 Jahre vergangen. Dies müsste ausreichen um einmal eine seriöse wissenschaftliche Untersuchung durchzuführen, welche Folgen dieses Verbot hatte: Sind die betroffenen Mädchen seit 2004 alle unverschleiert weiter in staatliche Schulen gegangen oder wurden sie dem Schulsystem entzogen? Wie viele Muslime haben seither die Möglichkeit einer Hausbeschulung ergriffen und wie viele schicken ihre Mädchen weiter in die Regelschule?
Aus meiner Sicht wäre die entscheidende Frage nicht das Kopftuch selbst, sondern wie ich den Druck der Communities auf die Mädchen reduzieren kann. Meines Erachtens wäre da eine allgemeine Schulpflicht, verbunden mit einer verschränkten Ganztagesschule für Alle SchülerInnen, eventuell auch verbunden mit einer längeren Schul-/Ausbildungspflicht (z.B. 12 Jahre, davon mindestens 9 Jahre Schule und höchstens 3 Jahre Lehre) deutlich sinnvoller als Kleidungsvorschriften. Damit haben wir die Kinder diverser sektenhaften Gruppierungen viel länger in der Schule und unter einem gewissen staatlichen Einfluss. Sie müssten sich dabei notwendigerweise bis 18 auch mit Menschen anderer Religionsbekenntnisse auseinandersetzen und würden viel eher die Fähigkeit bekommen mit religiösem Pluralismus umzugehen und eine eigene Position zu entwickeln, als wenn sie nur dem Einfluss ihrer Familie oder ihrer jeweiligen Religionsgemeinschaft ausgesetzt sind.