Eine Ausstellung über Rojava und Erdoğans langer Arm in die akademische Welt

Es ist nicht unspannend einmal selbst zu erleben, wie das ist, wenn man in den Fokus der Propaganda der türkischen Regierung gerät. Montagabend durfte ich im EU-Parlament meine Foto-Ausstellung über Rojava eröffnen. Der sozialdemokratische EU-Abgeordnete Josef Weidenholzer, mit dem ich im November 2015 nach Kobanê gereist bin, gab mir die Möglichkeit die Ausstellung dort zu zeigen. Salah Ammo und Peter Gabis begleiteten die Eröffnung mit ihrer wunderbaren Musik.
30 Bilder zeigen die jüngere Geschichte Rojavas. Darunter sind Bilder vom Alltagsleben, von Intern Vertriebenen, von politischen Parteien. Ein Bild zeigt eine Demonstration von AnhängerInnen des Kurdischen Nationlrats im Jänner 2013. Daneben findet sich ein Bild vom selben Tag von der Demonstration der PYD, bei der ein Bild von Abdullah Öcalan mitgetragen wird. Ein Bild zeigt eine Frauenversammlung der PYD-Frauen vom Februar 2014, daneben findet sich ein Bild eines Treffens der Yekiti-Partei, die in Opposition zur regierenden PYD steht. Es werden kurdische PolizistInnen und Kämpferinnen der YPJ gezeigt, sowie ein Polizist der christlich-assyrischen Polizei Sutoro. Ein Bild von der immer noch in Qamishli vorhandenen Statue des verstorbenen Bruders von Bashar al-Assad, Basil al-Assad, deutet darauf hin, dass das Regime nicht verschwunden ist.
Ich war mir nicht sicher ob die Ausstellung den AnhängerInnen der PKK so gut gefallen würde. Wahrscheinlich, so meine Vermutung, würden die Reaktionen ähnlich ausfallen, wie 2014 bei meinem Buch über Rojava: Die Anhänger der Parteien des Kurdischen Nationalrates werden nicht sehr erfreut über die Bilder über die PYD sein und die AnhängerInnen von PYD und PKK werden die Bilder über die innerkurdische Opposition und das Bild von der Statue von Basil al-Assad in Qamishli unnötig finden.
Womit ich nicht gerechnet hatte ist, dass schon am Dienstag alle großen türkischen Medien von Sabah bis Hürriyet voll sein würden mit Artikeln, die mir, MEP Josef Weidenholzer und der EU insgesamt „Unterstützung des Terrorismus“ vorwerfen und meine Ausstellung zu einer „terroristischen Propaganda“ erklären. Kein einziger türkischer Journalist hatte sich vorher mit mir in Verbindung gesetzt. Niemand war an einer Stellungnahme der OrganisatorInnen interessiert. Vermutlich hat auch kaum jemand die Ausstellung gesehen. Die Fotos die sämtliche Medien von der Ausstellung publizierten, sind eigentlich alle gleich.
Besonders bizarr waren schließlich die Angriffe von Ibrahim Kalın, der sich als Theologe und Präsidentenberater, als besonderer Scharfmacher gegen mich in Szene setzt. Kalın galt eigentlich als seriöser Wissenschafter bis er 2009 zum außenpolitischen Chefberater Erdoğans mutierte. Er hat einen PhD der George Washington University in Washington, D.C und ist Senior Fellow des Prinz-al-Walid-bin-Talal-Zentrums für muslimisch-christliche Verständigung Georgetown University.
Kalın ist mittlerweile jedoch primär verantwortlich für die wissenschaftliche Soft power von Erdoğans neuer Türkei. Kalın war Gründungsdirektor und von 2005 bis 2009 Direktor des AKP-nahen Thinktank SETA (Stiftung für Politik, Wirtschaft und Soziale Forschung). Diese Stiftung finanziert mittlerweile auch in Europa „Forschung“ im Sinne der türkischen Regierung. So hatte SETA u.a. den „European Islamophobia Report 2015“ von Farid Hafez finanziert. Kurioserweise wurde dieser Report übrigens am 3. Mai auch im EU-Parlament vorgestellt und zwar bei einer Veranstaltung, die von eben jenem Abgeordneten veranstaltet wurde, der nun so heftig angegriffen wird, weil er meine Ausstellung gehostet hat: MEP Josef Weidenholzer. Das scheint die AKP-nahen Akademiker aber nicht weiter zu stören oder in ihrem Weltbild zu beeinträchtigen.
Seit 2009 unterhält SETA auch eine Filiale in den USA und leistet auch dort akademische Lobbyarbeit für die AKP. Es wird sicher spannend weiter zu beobachten wie die türkische Regierung in Zukunft auch über die Finanzierung genehmer WissenschaftlerInnen in Europa versuchen wird, politischen Einfluss zu nehmen.

Diese 30 Bilder zeigen eine Woche lang verschiedene Aspekte der politischen und gesellschaftlichen Realität in Rojava im Europäischen Parlament.

Diese 30 Bilder zeigen eine Woche lang verschiedene Aspekte der politischen und gesellschaftlichen Realität in Rojava im Europäischen Parlament.

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