Klemmschwester als Jihadist

Entsetzt stehen wir alle vor der unglaublichen Tat, die ein Mann in der Nacht von Samstag auf Sonntag in Orlando angerichtet hat. Bei einem Amoklauf auf einen LGBTQ-Club wurden 49 Gäste erschossen und über 50 verletzt, ehe der Mörder von Sicherheitskräften getötet werden konnte.
Der Täter war in der Vergangenheit mehrmals dem FBI aufgefallen weil er für unterschiedliche jihadistische Gruppierungen, allerdings auch für die schiitischen Hizbollah Sympathien geäußert hatte. Nun stellt sich aber auch heraus, dass er selbst häufiger Gast jenes Clubs war, in dem er das Massaker verübt hatte und offenbar eine beliebte schwule Dating-App verwendete. Der Täter war also selbst wohl das, was man in der Szene eine Klemmschwester nennt, also ein verkappter Schwuler, der alles daran setzt seine Homosexualität zu verstecken.
So erstaunlich dies auf den ersten Augenblick klingt, ist die Geschichte nicht. Viele extreme Schwulenhasser sind selbst verkappte Schwule, die mit sich selbst nicht im Reinen sind. Sie hassen sich eigentlich selbst und verlagern ihren Hass indem sie all jene hassen, die das offen leben, was sie ständig glauben verstecken zu müssen.
Was die Tat ganz offensichtlich war: Sie war homophob! Als solche hatte ich sie auch schon am Sonntag benannt, was mir übrigens in einigen wütenden Facebook-Kommentaren diverser aus dem antideutschen Spektrum stammender Islamhasser den Vorwurf einbrachte, die Tat zu entpolitisieren, da ich mich weigern würde den Zusammenhang mit der Religion des Attentäters herzustellen. Man muss ja nicht auf jeden Unsinn eingehen, hier wurden allerdings nicht nur von einigen politischen Geisterfahrern falsche Dichotomien geschaffen: Solche Taten sind nicht entweder homophob oder jihadistisch. Sie sind nicht entweder Werk eines Verrückten oder politisch oder religiös motiviert.
Wir sollten uns hüten, verdrängte, unterdrückte und nicht ausgelebte Sexualität als Motiv sich extremistischen und menschenfeindlichen Gruppen und Ideologien anzuschließen zu unterschätzen. Auch in meiner Arbeit mit jihadistischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen waren verdrängte und unterdrückte sexuelle Bedürfnisse immer wieder unübersehbar. Hass rührt sehr oft am Ende des Tages von Selbsthass und unbefriedigte und unterdrückte Sexualität ist ein starkes Motiv für Selbsthass. Der Täter von Orlando war nicht entweder Jihadist oder Klemmschwester, entweder verrückt oder Ideologe. Vielleicht war er beides!
Der Terrorangriff von Orlando ist allerdings auch ein weiterer Beleg dafür, wie wenig der Überwachungsstaat und das wilde Sammeln von Informationen nützt:
Da kann jemand, der vom FBI schon mehrmals wegen IS-Sympathien gegen ihn ermittelt hat, bei der anerkannten Sicherheitsfirma G4S arbeiten – die übrigens auch zu den größten Privaten Sicherheitsfirmen in Österreich zählt – und bewaffnet seinen Dienst versehen.
Hier kann ein offensichtlich den Behörden als Jihadistensympathisant Mann, legal die Tatwaffe erwerben, mit der er später 49 Menschen ermorden sollte.
Die Sinnlosigkeit des wahllosen Datensammelns ist noch kaum eindrucksvoller bewiesen worden.

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2 Gedanken zu „Klemmschwester als Jihadist

  1. Katja

    KLEMMSCHWESTER: Warum ich dieses Wort bitte gerne nicht mehr lesen oder hören will.
    1) Wenn weibliche Bezeichnungen für Männer verwendet werden (vor dem Hintergrund einer gesellschaftlichen Tendenz, mittels (Trans*)Misogynie Männlichkeiten infrage zu stellen), muss so einem Begriff eine explizit positive Konnotation der weiblichen Bezeichnung inhärent sein. Sonst stabilisiert und fördert dieser Begriff – wie im Falle des Begriffs „Klemmschwester“ – einfach weiterhin ebendiese (Trans*)Misogynie.
    2) Die pejorative Verwendung des Begriffs speist sich aus einer Abfälligkeit gegenüber dem damit bezeichneten „nicht out sein“. Neben der Problematik des Konzepts des Coming-out an sich möchte ich daran erinnern, dass es keineswegs leicht für alle Menschen ist, in einer von Homophobie, Misogynie und Heteronormativität geprägten Gesellschaft schwul oder lesbisch zu leben. Die Abwertung, die durch diesen Begriff passiert, verlagert eine gesellschaftliche Verantwortung ins Individuum und überträgt der Person selbst eine angebliche „Schuld“ an dessen eigener, schwieriger Lage.

    Im vorliegenden Fall würde ich meinen wäre es besser von internalisierter Homophobie zu schreiben, damit wird die Homophobie der tat nicht verschleiert, aber auch nicht die Tatsache, dass Homophobie unter gesellschaftlichem Druck und Konsens entsteht..

    LG! Katja

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    1. schmidiblog Autor

      Liebe Katja,
      „Internalisierte Homophobie“ fasst aber halt nicht was damit gesagt werden soll, nämlich nicht, dass hier etwas gegen Frauen oder Tanssexuelle, sondern etwas gegen Männer, die aufgrund der Verdrängung der eigenen Homosexualität homophob sind. Der Begriff wird ja auch genau so in der Szene verwendet. Ich habe ihn jedenfalls nie in einem frauenfeindlich oder tansgender-feindlichen Kontext gehört, sondern immer nur als abwertender Begriff gegenüber Männern, die sich nach außen hin besonders heterosexuell (und oft auch homophob) geben um nur ja nicht entdeckt zu werden.
      Mir ist schon klar, dass es für unterschiedliche Personen unterschiedlich leicht ist zu seiner Sexualität zu stehen und ich will diese Verantwortung nicht individualisieren. Aber Leute, die deswegen gegenüber anderen homophobe Akte setzen, tun mir nun wirklich nicht leid.
      Aber wie gesagt: Ich habe den Begriff nie frauen- oder transgenderfeidlich verwendet gehört und wollte damit ganz sicher nichts derartiges aussagen.
      lg

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