Das Ende der Êzîdî von Şingal? Ein Lokalaugenschein in der Region

Eben bin ich aus Şingal (arabisch Sinjar) zurück gekommen, also aus jener Region, in der im August 2014 ein Genozid des so genannten „Islamischen Staates“ (IS) gegen die Angehörigen der nichtislamischen Religionsgemeinschaft der Êzîdî stattgefunden hatte. Die Region ist verwüstet und obwohl die Stadt Sinjar vor einem halben Jahr von kurdischen Einheiten zurück erobert wurde, zeigt sich heute ein Bilder der Hoffnungslosigkeit.

Der Genozid des IS an den Êzîdî wurde 2014 mit dem alten Vorwurf gerechtfertigt, dass die Êzîdî „Teufelsanbeter“ wären. Dieser falsche Vorwurf – die Êzîdî kennen nicht einmal ein personifiziertes Böses – wurde über Jahrhunderte von Muslimen, aber auch immer wieder von Christen in der Region erhoben. Er findet sich selbst in den deutschsprachigen Belletristik von Karl May bis Edgar Hilsenrath wieder und er ist bis heute unter muslimischen Kurden hegemonial. Wie hegemonial, zeigt sich schon bei unserer Anfahrt nach Şingal. Jene muslimischen Kurden, die wir gemeinsam mit einem gepanzerten Fahrzeug als bewaffnete Begleiter mit nach Şingal nehmen und die uns vor den Jihadisten beschützen sollen, fragen uns bereits bei der Hinfahrt ob wir eh wüssten, dass die Êzîdî Teufelsanbeter wären. Ich antworte darauf, dass das ein Mißverständnis wäre, womit ich ein neues Mißverständnis provoziere. Unsere Begleiter stimmen mir zu und meinen: „Ja, man kann denen das noch so oft erklären, aber sie bleiben verstockt und glauben weiter an den Teufel.“

Die Stadt Sinjar ist heute weitgehend zerstört.

Die Stadt Sinjar ist heute weitgehend zerstört.

Die Stadt Şingal ist heute eine Ruinenstadt. ZivilistInnen können bisher nicht zurückkehren. Nur fünf Kilometer vor der Stadt steht weiterhin der IS. Bei unserem Lokalaugenschein in der Stadt sind keinerlei Anzeichen zu erkennen, dass an einem Wiederaufbau der Stadt gearbeitet würde. Êzîdîsche Quellen berichten jüngst sogar davon, dass ZivilistInnen an der Rückkehr gehindert worden wären. Die 6.000 Familien, die heute in der Region sind, befinden sich alle in Zelten und anderen Notunterkünften auf dem Berg oder in den Dörfern auf der sichereren Nordseite des Gebirgszuges.

Hier auf der Nordseite wurde von den PKK-nahen Milizen ein Friedhof angelegt in dem jene 96 Toten bestattet sind, die im August 2014 dabei ums Leben gekommen sind, für zwei Wochen einen Korridor frei zu kämpfen, der den ZivilistInnen, die sich auf den Berg gefülchtet hatten, die Flucht nach Syrien ermöglichte. Rund 300.000 Menschen wurden damals über einen drei Kilometer breiten Korridor nach Syrien gebracht. Heute leben sie in Flüchtlingslagern in den kurdischen Gebieten Syriens, in Irakisch-Kurdistan und in der Türkei.

Auf den Massengräbern liegen die Knochen und Kleider der Toten, die von den Hunden ausgegraben wurden.

Auf den Massengräbern liegen die Knochen und Kleider der Toten, die von den Hunden ausgegraben wurden.

Wer nicht fliehen konnte, wurde damals zum Opfer der Jihadisten. 24 Massengräber wurden bereits in der Region gefunden. Schätzungen gehen davon aus, dass es über 40 geben dürfte. Viele davon sind auch auf dem Gebiet jener Dörfer, die südlich der Stadt Sinjar bis heute unter Kontrolle des IS stehen. Mit der Rückeroberung der Stadt Sinjar ist keineswegs das gesamte Siedlungsgebiet der Êzîdî wieder befreit. Knapp ein Drittel der Dörfer befindet sich weiterhin in der Gewalt der Jihadisten. Die bisher gefunden Massengräber wurden zwar markiert, allerdings nicht exhumiert. Der IS hatte nur notdürftig Erde über die Toten geschüttet. Hunde gruben Knochen und Schädel wieder aus. An den Orten der Massaker liegen heute Knochen und Schädel zwischen den Kleidungsstücken der Ermordeten herum. Damit könnte auch wichtige Evidenz für einen späteren Prozess gegen IS-Angehörige vor dem Internationalen Strafgerichtshof verloren gehen.

Die Situation in der Region ist allerdings nicht nur wegen der immer noch präsenten Jihadisten prekär. Auch die Rivalitäten der verschiedenen Milizen tragen zur Unsicherheit über die Zukunft der Region bei. Neben den Peshmerga der PDK und – in geringerem Ausmaß der PUK – sind zwei weitere Milizen der Êzîdî präsent.

Im Sommer 2014 hatte sich im Zuge der Offensive des IS die Verteidigungskraft Şingals Hêza Parastina Şingal (HPŞ) gebildet, die von der mit der Irakisch-Kurdistan regierenden PDK Masoud Barzanis unterstützt und von jüngeren Angehörigen der Familie Şeşo kontrolliert werden. Ihr Oberkommandierender stellt der lange Zeit im deutschen Exil lebende Haydar Şeşo dar. Wie sein Onkel Qasim Şeşo, der durch die Ermordung eines baathistischen Geheimdienstoffiziers einst eine Lokalberühmtheit wurde, hatte sich Haydar Şeşo nach dem Abzug der Peshmerga aus im August 2014 von der PDK abgewandt.

Camp der Peshmerga in der Stadt Şingal.

Camp der Peshmerga in der Stadt Şingal.

Anders als sein Onkel blieb er aber dabei eine eigene Miliz aufzubauen, während sich Qasim Şeşo wieder der die Regionalregierung Kurdistans beherrschenden PDK zuwandte. Qasim Şeşo ist heute Kommandant der Peshmerga in der Region. Auch diese sind aus lokalen Êzîdî zusammengesetzt, unterstehen aber formal dem Peshmerga-Ministerium der Regionalregierung Kurdistans. „Trotzdem wurde uns im ganzen letzten Jahr nur ein einziger Monatsgehalt ausgezahlt,“ beklagt sich der Kommandant, der zudem nicht ganz versteht, warum die Grenzsicherung gegenüber Syrisch-Kurdistan nicht ihnen, sondern muslimisch-kurdischen Einheiten der Peshmerga übergeben wurde. Qasim Şeşo beklagt sich auch über den Mangel an Waffen. Auf die Frage ob sie denn nicht die Waffen erhalten hätten, die Deutschland zum Kampf gegen den IS den Peshmerga zur Verfügung gestellt hätten, behauptet Şeşo, dass davon nichts bei ihnen angekommen wäre. Diese Waffen hätten sich „im Nichts aufgelöst“.

Qasim Şeşo, Kommandant der Peshmerga in Şingal.

Qasim Şeşo, Kommandant der Peshmerga in Şingal.

Während er die PKK-nahen Milizen scharf kritisiert und deren Abzug verlangt, geht er mit seinem Neffen Haydar Şeşo weniger scharf ins Gericht. Dessen Miliz wird von seinem Onkel weniger als Gefahr betrachtet obwohl sich das Verhältnis zwischen HPŞ und PDK bis Anfang 2015 stark verschlechterte. Die Entfremdung der HPŞ von der PDK, die mit der Verhaftung von Haydar Şeşo im Frühling 2015 ihren Höhepunkt erreicht hatte, endete damit, dass Teile der Familie Şeşo sich dem Aufbau einer eigenen Partei widmeten und deren Kämpfer sich stärker von der Regionalregierung Kurdistans und Barzanis PDK abwandten.

Haydar Şeşo, Kommandant der Verteidigungskraft von Êzîdxan, Hêza Parastina Êzîdxanê (HPÊ).

Haydar Şeşo, Kommandant der Verteidigungskraft von Êzîdxan, Hêza Parastina Êzîdxanê (HPÊ).

Diese Gruppierung steht heute für einen êzîdîschen Nationalismus, der die Êzîdî nicht mehr als KurdInnen, sondern als eigene ethno-religiöse Gruppe sieht, die mit den KurdInnen nichts mehr gemeinsam habe. Diese Verschiebung äußerte sich im November 2015 auch in einer Umbenennung der Miliz in Verteidigungskraft von Êzîdxan Hêza Parastina Êzîdxanê (HPÊ). Êzîdxan (wörtlich: Das Haus der Êzîdî) ist zugleich eine Bezeichnung für die traditionellen êzîdîschen Siedlungsgebiete, wie der Name der von êzîdîschen NationalistInnen propagierten eigenen êzîdîschen Entität. Ob damit auch der Anspruch erhoben wird über Sinjar hinaus für eine solche eigene Entität zu kämpfen, bleibt unklar. Haydar Şeşo selbst sagt, dass damit zum Ausdruck gebracht werden sollte, dass seine Gruppe für die Rechte der Êzîdî weltweit kämpfe und zwar nicht nur militärisch: „Wir werden auch von Êzîdî in Armenien, Georgien, Syrien oder Europa unterstützt und sind auch für diese Gruppen da. Wir sind nicht ausschließlich auf Şingal konzentriert. Das wollten wir mit dieser Namensänderung auch sichtbar machen.“

Wer sich bei der HPÊ als KämpferIn meldet, muss seine Kalaschnikow selbst mitbringen. Geld für Ausrüstung und einen regelmäßigen Sold gibt es nicht. Die Miliz stellt nur die Versorgung vor Ort. Auch Frauen melden sich immer wieder als Kämpferinnen. Die Integration dieser Frauen in die Miliz stoße aber noch auf praktische Probleme, erklärt Haydar Şeşo: „Wir haben hier keine eigenen Sanitäranlagen für Frauen und keine getrennten Übernachtungsmöglichkeiten. Das macht es schwierig alle Frauen, die bei uns mitmachen wollen, auch aufzunehmen.“

Kämpfer der Widerstandseinheiten von Şingal, Yekîneyên Berxwedana Şingal (YBŞ)

Kämpfer der Widerstandseinheiten von Şingal, Yekîneyên Berxwedana Şingal (YBŞ)

Die zweite êzîdîsche Miliz stellen die PKK-nahen Widerstandseinheiten von Şingal Yekîneyên Berxwedana Şingal (YBŞ) dar. Diese Einheit wurde zwar schon 2007, also vor dem Angriff des IS als es bereits jihadistische Angriffe gegen Êzîdî gab, gegründet, allerdings erhielt auch sie erst im August 2014 ihre Bedeutung bei der Verteidigung des Sinjar-Gebirges vor den jihadistischen Angreifern. Im Jänner 2015 wurde nach dem Vorbild anderer PKK-naher Truppen schließlich auch eine eigene Fraueneinheit gegründet, die zunächst unter dem Namen Frauenverteidigungseinheiten von Şingal Yekîneyên Parastina Jin ê Şengalê (YPJŞ) agierten, einem Namen der eng an die syrisch-kurdischen YPJ angelehnt war. Seit 26. Oktober 2015 nennt sie sich Fraueneinheit von Êzîdxan Yekinêyen Jinên Êzîdxan (YJÊ). Diese Umbenennung der Fraueneinheit der YBŞ stellt eine bemerkenswerte Annäherung an das politische Konzept der HPÊ dar. Schließlich gibt es keine einzige PKK-nahe Organisation, die ansonsten in ihrem Namen den vom êzîdîschen Nationalismus benutzten Begriff Êzîdxan in ihrem Namen führt.

Kämpferin der Fraueneinheit von Êzîdxan, Yekinêyen Jinên Êzîdxan (YJÊ).

Kämpferin der Fraueneinheit von Êzîdxan, Yekinêyen Jinên Êzîdxan (YJÊ).

Während die YBŞ gemeinsam mit der ebenfalls zum PKK-Parteinblock gehörenden syrischen YPG und der HPG 2014 die Hauptlast der Verteidigung des Gebirges trug und die YPG schließlich jenen Korridor aus Syrien freikämpfte, der den ZivilistInnen die Flucht vom Berg ermöglichte, fühlen sie sich jetzt um ihren militärischen Sieg bedroht. Beim Treffen mit Kommandanten der YBŞ, an dem auch eine Delegierte der PKK teilnimmt, wird immer wieder betont, dass die PDK nun jene verdrängen wolle, die hier den größten Blutzoll gezahlt hätten. Mazlum Şingali, einer der Kommandanten der YBŞ, erklärt uns, dass sich seine KämpferInnen auch in der Lage fühlen würden den Rest von Şingal zu befreien, wenn man sie nur ließe. Derzeit würden die Peshmerga der PDK sie daran hindern weiter gegen den IS vorzustoßen. Zudem wären seine Leute schlecht bewaffnet. Die Militärhilfe ginge nur an die Peshmerga. Die YBŞ würde keine internationale Unterstützung erhalten.

Stolz ist man in der YBŞ darauf, dass man bisher 2.854 Jihadisten des IS getötet habe. Viele der Getöteten wären Ausländer, die meisten Tschetschenen. Mazlum Şingali zeigt uns auch eine österreichische E-Card und einen Kraftfahrerausweis aus Bregenz, der bei einem der gefallenen Jihadisten gefunden wurde. Die lokalen Araber hätten sich mittlerweile teilweise vom IS abgewandt. Mit dem Shammar-Stamm bestünde, ähnlich wie in Syrien, eine Kooperation gegen die Jihadisten.

Die PKK-nahen Verbände waren es auch, die in Anwesenheit von Vertretern der mit der PDK rivalisierenden Patriotischen Union Kurdistans (PUK) im Jänner 2015 einen Kanton Şingal ausgerufen hatten und seither parallel zu den Strukturen der Regionalregierung Kurdistans eigene Verwaltungsstrukturen aufbauten. Während die PKK-nahe Selbstverwaltung in einigen kleinen Containern auf dem Berg selbst untergebracht ist, residiert ein von der PDK eingesetzter Bürgermeister in der Stadt Şingal in unmittelbarer Nähe eines großen Camps der von Qasim Şeşo befehligten Peshmerga.

Verwaltungsgebäude der Selbstverwaltung von Şingal.

Verwaltungsgebäude der Selbstverwaltung von Şingal.

Die politischen Spannungen zwischen den Gruppierungen liegen in der Luft und dies obwohl der IS nur weniger Kilometer weiter südlich immer noch große Teile des ehemals êzîdîschen Siedlungsgebietes kontrolliert.

Leidtragende dieser Situation sind einmal mehr die ZivilistInnen, die weiterhin in den Camps der Intern Vertriebenen in der Nähe von Dohuk im Gebiet der Regionalregierung Kurdistans ausharren. Wer hier mit den Menschen spricht, hört nur noch Frustration und Trauer. Die Menschen fühlen sich von der internationalen Gemeinschaft vergessen und sehen sich als Spielball unterschiedlichster Interessen. Kaum jemand hat die Hoffnung je nach Şingal zurückkehren zu können. Fast alle wollen nach Europa. Was ihnen fehlt, ist jedoch das nötige Geld für die Schlepper. Wenn jemand Geld zusammenkratzen kann, fließt dieses oft auch in den Freikauf von verschleppten Frauen und Kindern, die immer noch vom IS als Geiseln gehalten werden. Nach einem jüngsten Report des Büros für êzîdîsche Angelegenheiten der Regionalregierung Kurdistans, befinden sich bis heute noch über 3.800 Êzîdî in Gefangenschaft des IS. Tausende Frauen wurden von den Jihadisten versklavt und systematisch vergewaltigt. Ihre Traumata können in den Lagern der Vertriebenen nicht aufgearbeitet werden. Viele der freigekauften jungen Frauen und Mädchen nehmen sich dann in Freiheit ihr Leben.

Flüchtlingscamp "Sharia".

Flüchtlingscamp „Sharia“.

Mädchen im Flüchtlingscamp "Sharia".

Mädchen im Flüchtlingscamp „Sharia“.

Einen kleinen Funken Hoffnung knüpften religiöse und politische Führer der Êzîdî and den Besuch des österreichischen EU-Abgeordneten Josef Weidenholzer (SPÖ), der sich auf unserer gemeinsamen Reise nach Şingal ein persönliches Bild von der Situation machte. Als eine der Konsequenzen soll nun im Europäischen Parlament eine Freundschaftsgruppen mit den Êzîdî entstehen, die sich längerfristig dem Thema annehmen will. Vielleicht wurden die Êzîdî doch nicht von allen vergessen.

Hier auch noch der Link zum Bericht von Josef Weidenholzer und seinem Team zur Reise nach Şingal: https://www.spooe.at/2016/06/06/befreit-bedeutet-nicht-frei/

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