Kämpfe in Qamishli

Die Nachrichten aus Qamishli sind widersprüchlich. Bisher lässt sich nicht ausreichend klären, wie die Kämpfe zwischen der syrischen Armee und der kurdischen YPG in der größten von KurdInnen bewohnten Stadt Syriens begonnen haben. Faktum ist, dass am Mittwoch, 20. April, Einheiten der syrischen Armee und die kurdischen Polizeikräfte Asayîş aneinander geraten sind, die kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG den Asayîş zur Hilfe kamen und seit Mittwoch Kämpfe im Stadtzentrum von Qamishli stattfinden. Davon betroffen sind auch ZivilistInnen, insbesondere Angehörige der christlichen Minderheiten Qamishlis, der ArmenierInnen und AssyrerInnen, von denen besonders viele im traditionellen Stadtzentrum leben.
In diesem Stadtzentrum herrschte bis vor Kurzem ein prekäres Gleichgewicht zwischen kurdischen Einheiten und solchen unter Regierungskontrolle. Während Teile der Stadt (arabisches Viertel, Bahnhof, Flughafen, Grenztor und einige Amtsgebäude) und ein Militärcamp südlich der Stadt unter Regierungskontrolle standen, wurde der Rest von den Kurden bzw. den von der in Rojava regierenden Demokratischen Unionspartei (PYD) aufgebauten militärischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) und Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) bzw. der kurdischen Polizei kontrolliert. Nur im historischen Stadtzentrum, in dem traditionell v.a. Christen und (bis in die 1990er-Jahre) Juden lebten und in dem die christlichen Kirchen und die Synagoge situiert sind, existierte eine Art politisches Vakuum, in dem sich Regime und kurdische Autonomieverwaltung aus dem Weg gingen.*
In den letzten Wochen war es durch die Ausrufung einer Autonomie in Nordsyrien durch die kurdische PYD und ihre Verbündeten im März 2016, einer Autonomieregion, die die drei autonomen kurdischen Kantone mit neu eroberten Gebieten zu einer Region vereinte, zu zunehmenden Spannungen zwischen dem Regime und der kurdischen Selbstverwaltung gekommen. Durch die Schließung der Grenzen von allen Seiten, habe sich zudem Lebensmittelpreise und Preise für andere Güter innerhalb Rojavas empfindlich erhöht. Die ökonomischen Probleme führten zu einer wachsenden Unzufriedenheit mit der kurdischen Verwaltung – auch innerhalb der kurdischen Bevölkerung.
Das prekäre Gleichgewicht zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen in der multiethnischen Stadt Qamishli wurde dadurch zusätzlich gestört. Es darf getrost angenommen werden, dass das Regime sich Konflikte zwischen Kurden und den christlichen Minderheiten auch selbst zu Nutze machen versuchte.
Die christlich-aramäische Miliz/Polizei Sutoro ist hingegen selbst gespalten. Während die Sutoro in der Stadt Derik der Suryoye Einheitspartei (SUP) untersteht und mit den Kurden kooperiert, haben sich ihre Einheiten in Qamishli verselbstständigt und mit dem Regime verbündet. Obwohl beide auf Arabisch und Aramäisch gleich geschrieben werden (Arabisch: سوتورو ) schreibt sich zur Unterscheidung die pro-Regime Miliz in Qamishli in lateinischer Umschrift nun Sootoro. Beide gleichnamigen Milizen verwenden andere Abzeichen und Symbole und stehen im aktuellen Konflikt zwischen Kurden und Regime auf unterschiedlichen Seiten.
Zwischen Sootoro und YPG war es schon im Jänner 2016 nach einem jihadistischen Anschlag Ende Dezember auf christlich-assyrische Restaurants zu bewaffneten Auseinandersetzungen gekommen. Zuvor hatten Assyrer den Kurden vorgeworfen, die assyrischen Teile der Stadt nicht zu schützen.
Auch in den aktuellen Kämpfen griff schon am Nachmittag des 20. April die Sootoro mit ein. Im Stadtzentrum von Qamishil kämpfen also derzeit auf der einen Seite die kurdischen Asayîş mit YPG und YPJ und auf der anderen Seite die Regierungsarmee mit den Sootoro. Auf beiden Seiten scheinen zudem jeweils unterschiedliche arabische Stammesmilizen beteiligt. Es gibt in der Region arabische Stämme, die mit den Kurden verbündet sind und solche, die mit dem Regime verbündet sind.

Die PYD hatte lange versucht Kämpfe aus Qamishil fernzuhalten und hatte dafür die Kontrolle wichtiger Punkte durch die Armee und die Präsenz von Symbolen des Regimes (Assad-Bilder, Fahnen, Statuen) akzeptiert. Mit den aktuellen Kämpfen begann jedoch auch eine Zerstörung solcher Symbole, wo die Kurden dieser habhaft werden konnten.

Nach Berichten aus Qamishli dürften die Kämpfe bisher nicht entschieden worden sein. Die Stadt ist abgeriegelt und es kommen sehr wenige zuverlässige Nachrichten aus der Stadt heraus. Neben Kämpfern auf beiden Seiten, sind auch bereits ZivilistInnen ums Leben gekommen. Längerfristige Kämpfe innerhalb der größten Stadt im Nordosten Syriens, hätten für die Zivilbevölkerung möglicherweise katastrophale humanitäre Folgen.

Heute wurde schließlich gemeldet, dass es auch in der Provinzhauptstadt Hasaka, in der es ebenfalls eine Koexistenz zwischen Regie und YPG/YPJ gegeben hat, zu ersten militärischen Auseinandersetzungen zwischen Regime und Kurden gekommen sein soll. Sollte diese Situation weiter eskalieren, würde dies möglicherweise der Anfang vom Ende der partiellen Kooperation zwischen Regime und PYD/YPG/YPJ bzw. den Syrischen Demokratischen Kräften (SDF), einer im Herbst 2015 unter kurdischer Führung aufgebauten Allianz mit säkularen arabischen und assyrischen Rebellengruppen, bedeuten.

*Wer sich genauer über die vom Regime kontrollierten Teile in Qamishli informieren will, kann sich dazu die Karte in meinem Buch über Syrisch-Kurdistan ansehen: http://www.mandelbaum.at/books/806/7644

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