Archiv für den Monat März 2016

Der vorauseilende Gehorsam der IPSA gegen das Erdoğan-Regime

Ich war vergangene Woche als Gastlektor an der Politikwissenschaft der Ankara Universitesi, die aus der 1859 in Istanbul gegründeten Mekteb-i Mülkiye hervorgegangen ist, der alten Beamtenschule des Osmanischen Reiches. Die Politikwissenschaft dieser Universität ist damit fast hundert Jahre älter, als die erst 1946 gegründete Universität der türkischen Hauptstadt. Die Politikwissenschaft der Ankara Universitesi hat seither viele kritische Geister, WissenschafterInnen aber auch PolitikerInnen und DiplomatInnen hervorgebracht und gilt als eine der renommiertesten Institute für Politikwissenschaft in der Türkei. Heute haben die meisten ProfessorInnen und anderen WissenschaftlerInnen dort Straf- und Disziplinarverfahren der Universität am Hals, weil sie den Aufruf der „Akademiker für Frieden“ unterzeichnet haben. Davon sind an fast allen Universitäten der Türkei progressive AkademikerInnen betroffen. An einigen – v.a. privaten Universitäten – wurden auch schon UnterzeichnerInnen des Aufrufs entlassen.
In dieser Situation der massiven Gefährdung der akademischen Freiheit in der Türkei, fällt die International Political Science Association (IPSA), einer internationalen Dachorganisation von politikwissenschaftlichen Organisationen denen auch die Österreichische Gesellschaft für Politikwissenschaft (ÖGPW) angehört, den türkischen KollegInnen in den Rücken. Bei den KollegInnen in Ankara und in Istanbul war dies ein wichtiges Thema: Der von der IPSA organisierte World Congress of Political Science hätte heuer in Istanbul stattfinden sollen. Nun wurde er verlegt. Als Begründung dafür werden allerdings ausschließlich „Sicherheitsbedenken“ angegeben, kein Wort der Kritik am Vorgehen des AKP-Regimes gegen die türkischen KollegInnen. Die KollegInnen aus der Türkei fühlen sich von dieser Vorgangsweise verraten. Nicht nur kurdische, sondern auch kemalistische, marxistische und liberale türkische ProfessorInnen, UniversitätsassistentInnen und andere AkademikerInnen haben mich immer wieder darauf hingewiesen wie bizarr es wäre, in einer solchen Situation den Kongress zu verlegen und in keinem Wort die Repression der Regierung gegen WissenschafterInnen in der Türkei anzusprechen, sondern sich ausschließlich auf „Sicherheitsbedenken“ hinauszureden. Es mag durchaus sein, dass die Türkei nach den Anschlägen der vergangen Monate nicht sicher genug ist tausende PolitikwissenschafterInnen zu einem Kongress einzuladen. Von den KollegInnen aus der Türkei wird auch weniger die Verlegung an sich kritisiert. Was allerdings extrem problematisch ist, ist das Schweigen der IPSA zur Repression der Regierung gegen die türkischen KollegInnen und die ausschließlich auf Sicherheit fokussierende Begründung der Verlegung. Aus der Perspektive der durch Kündigung und möglicherweise sogar mit Haftstrafen bedrohten KollegInnen aus der Türkei ist dies nichts anderes als ein vorauseilender Gehorsam der IPSA gegen das Erdoğan-Regime, das sich in den letzten Monaten in geradezu beängstigender Geschwindigkeit zu einer offenen Diktatur verwandelt. Wenn nicht einmal wir PolitikwissenschafterInnen unseren bedrohten KollegInnen in anderen Staaten gegenüber Solidarität walten lassen, dann ist dies einfach nur noch ein Armutszeugnis für uns Alle!
Erratum: Die ÖGPW hat mir auf ein mail bezüglich der Verlegung der IPSA-Konferenz geantwortet, dass sie vor einem Monat ihre Mitgliedschaft in der IPSA beendet hat. Der Grund dafür war nicht die Verlegung der Konferenz oder ihre Begründung, sondern der zu hohe Mitgliedsbeitrag von ca. 1.000.-, der für eine kleine Mitgliedsorganisation wie die ÖGPW offenbar zu hoch geworden ist. Die ÖGPW ist also nicht mehr Mitglied der IPSA.
Advertisements