Cizre: „Es ist ein Massaker, das hier stattfindet!“

Die letzten beiden Tage habe ich auf der Konferenz „The European Union, Turkey, the Middle East and the Kurds „Old Crisis – New Solutions“ im Europäischen Parlament verbracht. Das bedrückendste dabei war ein Telefongespräch mit dem Co-Vorsitzenden des Volksrates von Cizre, Mehmet Tunç, wo es aktuell gerade zu Bombardements durch die Regierungsarmee kommt. Die Stadt war in den letzten Wochen zu einem der Hauptschlachtfelder gegen die KurdInnen geworden. Eine über zwei Monate dauernde Ausgangssperre führte zu einer Belagerung der Stadt und zur Massenflucht aus der historischen kurdischen Stadt an der syrischen Grenze.

Mehmet Tunç berichtete, dass die Bevölkerung nicht mehr auf die Straße gehen kann und nur noch 10.000 Menschen in der Stadt wären, während der Rest geflohen wäre: „Es ist ein Massaker, das hier stattfindet! Es ist ein Völkermord der hier stattfindet. Alle Häuser sind hier bombardiert worden. So etwas fündet im 21. Jahrhundert statt. Seit 60 Tagen ist dieses Volk von der Außenwelt abgeschnitten. Wir haben nichts zu Essen und nichts zu Trinken. Wir sind von jeder Versorgungsmöglichkeit abgeschnitten. Und das ist ein Verbrechen, das von der AKP-Regierung begangen wird. Es kann sich nur noch um Tage handeln, bis es nicht mehr geht. Eine solche Politik haben wir bereits in den 1990er-Jahren erlebt. Die Menschen die damals Verbrechen verübt haben, sind jetzt in Cizre unterwegs und haben dort das Kommando und dies alle unter dem Deckmantel der Bekämpfung der PKK. Es ist eine Tragödie, die in Cizre und in anderen Städten abläuft.“

Tunç befindet sich mit 28 Verletzten in einem Keller in Cizre. Niemand kann die teils schwer verletzten Eingeschlossenen besuchen oder gar aus dieser Situation herausbringen: „Wir haben 28 Verletzte, die keine medizinische Versorgung erhalten, vier sind bereits verstorben, 24 harren weiter ohne medizinische Versorgung aus. Drei Personen sind in besonders kritischem Zustand. Wir haben nichts mehr zu trinken, kein Wasser und wir haben auch nichts mehr zu essen. Es sind verschiedene Gebäude eingestürzt. Ich bin in so einem Gebäude, das eingestürzt ist. Deshalb rufe ich unsere Freunde auf: Halten Sie dieses Massaker auf! Diesem Massaker muss Einhalt geboten werden! Ich rufe die AKP-Regierung auf von diesem Massaker abzulassen.
Liebe Freunde, das was über Cizre berichtet wird, entspricht nicht der Wahrheit. Die Propaganda lügt. Wie gesagt: Kein Wasser, kein Essen nichts und ein Massaker, das fröhlich weiter geht. Wir wissen was es für Verträge gibt, aber 100 Menschen sind bereits gestorben.“

Am Ende des Tagen wurde die Nachricht weitergegeben, dass der Kontakt zu Mehmet Tunç abgerissen ist. Das Haus in dem er sich befindet, ist völlig umzingelt und möglicherweise eingestürzt. Die Stadt Cizre, die ehemalige Hauptstadt des historischen Fürstentums Botan, in der viele der bedeutendsten kurdischen Dichter begraben sind, in der es der Überlieferung nach ein Grab des Propheten Noah gibt und in der auch das literarische Liebespaar Mem und Zin symbolisch begraben ist, wird gerade zerstört. Insgesamt sind mittlerweile rund 300.000 Menschen innerhalb der Türkei auf der Flucht.

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