Sexualisierte Gewalt und Rassismus

Warum der Diskurs über Köln Gewalt- und Ausbeutungsverhältnisse verschleiert

Auch über zwei Wochen nach den Ereignissen von Köln verstummt der deutsche und österreichische Blätterwald nicht. Obwohl bis heute die Fakten, wer zu Silvester vor dem Kölner Dom nun wirklich was getan hat, immer noch nicht klar sind, fühlen sich hunderte JournalistInnen, Intellektuelle und PolitikerInnen dazu berufen, nicht nur ihre Abscheu, sondern auch eine Deutung der Ereignisse zu formulieren. Dass die Täter ausgeforscht und bestraft werden müssen, dass Frauen vor solchen Übergriffen zu schützen sind, steht hoffentlich außer Debatte. Die Frage ist allerdings auf welcher sachlichen Grundlage all die gesellschaftspolitischen Deutungen der Geschehnisse beruhen, die derzeit medial diskutiert werden.

Selbst ansonsten seriös wirkende Zeitungen wie die Presse, der Standard, der Falter oder die Wiener Zeitung bringen die sexualisierte Gewalt, die in Köln stattgefunden hat, mit dem Islam oder den Arabern in Verbindung.
Auf der Titelseite der Wiener Zeitung war am vergangenen Wochenende in einer Schlagzeile von „religiös motivierter Sexualgewalt“ zu lesen. Schon am 8. Jänner prangerte ebenfalls auf der Titelseite eine Schlagzeile „Die dunkle Seite importierter Gesellschaften“ an. Dazu wurde ein Foto von zwei Frauen mit Kopftuch abgebildet. Im Innenteil wurde dann darüber doziert, dass sexualisierte Gewalt eine Folge dessen wäre, dass Menschen aus „kollektiv strukturierten Gesellschaften“ nicht gelernt hätten „Einzelne zu sein“ und damit auch nicht, „einander als selbstverantwortliche Individuen zu begegnen.“ Der Falter titelt mit einer Graphik, in der eine Vielzahl schwarzer Männer über weiße Frauen herfallen und gibt der Künstlerin im Blattinneren dann auch noch Raum in Wort und Schrift zu erklären, dass Muslime nun einmal ganz üble sexuelle Belästiger wären, und sie das selbst auf ihren Reisen erlebt habe. Standard und Presse stehen diesem Reigen österreichischer Qualitätsmedien nicht nach. Es gibt zwar keinerlei investigative JournalistInnen, die es der Mühe wert fänden, der Frage nachzugehen, was in Köln wirklich geschehen ist, wer die Täter sind und warum gegen diese nicht eingeschritten wurde, dafür wissen offenbar alle, dass dies ein Ausdruck des „Islam“ oder eine Folge der „Arabischen Kultur“ sei. Araber oder Muslime wären nun einmal so, und wer die hereinließe, müsse mit so etwas rechnen. Der Standard fand schließlich einen in der FAZ erschienenen Text von Samuel Schirmbeck, in dem dieser von einer „giftigen Mischung aus Kultur und Religion“ fabulierte, die für die Übergriffe in Köln verantwortlich wäre, so wichtig ihn gleich als „Kommentar der Anderen“ nachzudrucken.

Die mediale Hetze hat konkrete Auswirkungen. Männer aus Syrien oder dem Irak berichten, dass sie heute im öffentlichen Raum anders angesehen werden als vor einigen Wochen. Im Niederösterreichischen Korneuburg hat ÖVP-Bürgermeister Christian Gepp ein Verbot für Asylwerber ausgesprochen, das städtische Hallenbad zu besuchen.

Statt über sexualisierte Gewalt und sexuelle Belästigung durch Männer zu diskutieren, wird das Thema nun in der öffentlichen Debatte bequem kulturalisiert oder konfessionalisiert. Dass die Vorstellungen von den fremden Sexualstraftätern an über Jahrhunderte tradierte rassistische und antisemitische Vorstellungen vom fremden Mann anknüpfen können, der die Reinheit der deutschen Frau gefährdet, lässt diese umso schneller kursieren. Das Bild von der unkontrollierten, naturnahen und brutalen Sexualität des „Wilden“, die Gefahr des „schwarzen Mannes“ für die „weiße Frau“, gehört schließlich ebenso zum kulturellen Repertoire Europas, wie der hinterhältige jüdische Mann, der nicht durch rohe Gewalt, sondern durch List, Geld und Bildung die „arische Frau“ verführt.

Dies bedeutet nicht, dass es nicht Gesellschaften und Gesellschaftsschichten gäbe, in denen es ein größeres Problem mit sexueller Belästigung oder sexualisierter Gewalt gäbe, als in anderen Gesellschaften. Diesbezügliche Unterschiede verlaufen jedoch mitten durch die islamische und arabische Welt und haben nichts mit Religion oder Kultur zu tun. Dort, wo wir ein erhöhtes Problem mit sexueller Belästigung und sexualisierter Gewalt haben, lässt sich dies meist mit einem Zusammenwirken von patriarchalen Machtverhältnissen, sozioökonomischen Ursachen, politischen Rahmenbedingungen und den Konsequenzen von kulturindustriell erzeugten Missverständnissen, die im Falle Marokkos, Tunesiens und Ägyptens noch durch weiblichen Sextourismus verstärkt werden, erklären. Diese zu erforschen und sachlich zu diskutieren würde die Debatte weiter bringen, die Pauschalangriffe auf den Islam oder die „Arabische Kultur“ helfen hingegen allenfalls Ressentiments gegen Flüchtlinge und MigrantInnen zu schüren.

Die Konzentration der aktuellen Mediendebatte auf Islam und Kultur hilft jedoch auch eine Debatte über Geschlechterverhältnisse und sexuelle Gewalt und Belästigung durch Männer zu verhindern. Sexualisierte Gewalt und sexuelle Belästigung ist nämlich keinesfalls ein Privileg unterprivilegierter Männer, wie selbst Slavoj Zizek in seinem jüngsten Essay es im Spiegel suggeriert. Sexuelle Belästigung und sexualisierte Gewalt drückt sich bei den Unterprivilegierten allerdings anders aus und kommt eher an die Öffentlichkeit als in anderen gesellschaftlichen Schichten. Die überwiegende Mehrheit sexueller Belästigungen und sexualisierter Gewaltakte privilegierter weißer Männer auf Universitäten, in Redaktionsstuben oder in Firmenniederlassungen kommt nie ans Tageslicht und wird von den Opfern nie angezeigt.

Mir haben junge Kolleginnen mit und ohne Migrationshintergrund an unterschiedlichen Universitäten immer wieder von den privilegierten alten weißen Männern in Lehrstühlen, in Redaktionen wissenschaftlicher Zeitschriften oder als Herausgeber von Buchreihen berichtet, die sich für die Förderung junger Frauen entsprechende sexuelle Gefälligkeiten erwarteten. Selbst kleine Lektoren nutzen immer wieder die wenige Macht, die ihnen ihre Lehrendenposition gibt, um sich gute Noten durch Sex abgelten zu lassen. Ähnliche Geschichten wurden mir immer wieder von jungen Frauen in der Medienbranche oder in anderen Wirtschaftszweigen im Vertrauen mitgeteilt. Wenige Betroffene wagen es die Übergriffe anzuzeigen. Schließlich waren die Täter privilegierte weiße Männer, die auch noch später der eigenen Karriere und dem eigenen Ansehen schaden können.

Dass sexuelle Belästigung und sexualisierte Gewalt durch MigrantInnen überhaupt in dieser Form thematisiert werden kann, liegt daran, dass es sich dabei eben nicht um privilegierte Männer handelt, sondern im Zusammentreffen von weißen Frauen aus der europäischen Mittelschicht und männlichen Migranten aus dem Nahen Osten oder Afrika eine Kreuzung zweier unterschiedlicher Machtgefälle aufeinander treffen. Als Frau diskriminiert und als Europäerin privilegiert, als Migrant diskriminiert und als Mann privilegiert. Um solch komplexe Herrschafts- und Machtgefälle beschreiben zu können, wurde im amerikanischen sozialwissenschaftlichen Diskurs der Begriff der „Intersektionalität“ entwickelt, der eben genau diese Kreuzungen (intersections) beschreibt, in dem sich verschiedene Formen der Privilegiertheit und der Diskriminierung treffen.

Diese unterschiedlichen Machtgefälle auszublenden und stattdessen eine kulturell oder religiös definierte Gruppe von Schuldigen zu suchen, verschleiert gesellschaftliche Verhältnisse und damit auch Ursachen für sexualisierte Gewalt und Belästigung von Frauen. Die Leidenschaftlichkeit, mit der dies geschieht, legt den Verdacht nahe, dass dies von manchen Diskursführern durchaus gewollt ist. Schließlich sitzen auch in den leitenden Positionen der Medienbranche und den wichtigsten Positionen des Wissenschaftsbetriebs genau jene alten weißen Männer, die andere Möglichkeiten haben, Frauen zu erniedrigen und sexuell auszubeuten, als zu Silvester aus der Masse heraus junge Frauen anzugrapschen.

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