Archiv für den Monat Januar 2016

Cizre: „Es ist ein Massaker, das hier stattfindet!“

Die letzten beiden Tage habe ich auf der Konferenz „The European Union, Turkey, the Middle East and the Kurds „Old Crisis – New Solutions“ im Europäischen Parlament verbracht. Das bedrückendste dabei war ein Telefongespräch mit dem Co-Vorsitzenden des Volksrates von Cizre, Mehmet Tunç, wo es aktuell gerade zu Bombardements durch die Regierungsarmee kommt. Die Stadt war in den letzten Wochen zu einem der Hauptschlachtfelder gegen die KurdInnen geworden. Eine über zwei Monate dauernde Ausgangssperre führte zu einer Belagerung der Stadt und zur Massenflucht aus der historischen kurdischen Stadt an der syrischen Grenze.

Mehmet Tunç berichtete, dass die Bevölkerung nicht mehr auf die Straße gehen kann und nur noch 10.000 Menschen in der Stadt wären, während der Rest geflohen wäre: „Es ist ein Massaker, das hier stattfindet! Es ist ein Völkermord der hier stattfindet. Alle Häuser sind hier bombardiert worden. So etwas fündet im 21. Jahrhundert statt. Seit 60 Tagen ist dieses Volk von der Außenwelt abgeschnitten. Wir haben nichts zu Essen und nichts zu Trinken. Wir sind von jeder Versorgungsmöglichkeit abgeschnitten. Und das ist ein Verbrechen, das von der AKP-Regierung begangen wird. Es kann sich nur noch um Tage handeln, bis es nicht mehr geht. Eine solche Politik haben wir bereits in den 1990er-Jahren erlebt. Die Menschen die damals Verbrechen verübt haben, sind jetzt in Cizre unterwegs und haben dort das Kommando und dies alle unter dem Deckmantel der Bekämpfung der PKK. Es ist eine Tragödie, die in Cizre und in anderen Städten abläuft.“

Tunç befindet sich mit 28 Verletzten in einem Keller in Cizre. Niemand kann die teils schwer verletzten Eingeschlossenen besuchen oder gar aus dieser Situation herausbringen: „Wir haben 28 Verletzte, die keine medizinische Versorgung erhalten, vier sind bereits verstorben, 24 harren weiter ohne medizinische Versorgung aus. Drei Personen sind in besonders kritischem Zustand. Wir haben nichts mehr zu trinken, kein Wasser und wir haben auch nichts mehr zu essen. Es sind verschiedene Gebäude eingestürzt. Ich bin in so einem Gebäude, das eingestürzt ist. Deshalb rufe ich unsere Freunde auf: Halten Sie dieses Massaker auf! Diesem Massaker muss Einhalt geboten werden! Ich rufe die AKP-Regierung auf von diesem Massaker abzulassen.
Liebe Freunde, das was über Cizre berichtet wird, entspricht nicht der Wahrheit. Die Propaganda lügt. Wie gesagt: Kein Wasser, kein Essen nichts und ein Massaker, das fröhlich weiter geht. Wir wissen was es für Verträge gibt, aber 100 Menschen sind bereits gestorben.“

Am Ende des Tagen wurde die Nachricht weitergegeben, dass der Kontakt zu Mehmet Tunç abgerissen ist. Das Haus in dem er sich befindet, ist völlig umzingelt und möglicherweise eingestürzt. Die Stadt Cizre, die ehemalige Hauptstadt des historischen Fürstentums Botan, in der viele der bedeutendsten kurdischen Dichter begraben sind, in der es der Überlieferung nach ein Grab des Propheten Noah gibt und in der auch das literarische Liebespaar Mem und Zin symbolisch begraben ist, wird gerade zerstört. Insgesamt sind mittlerweile rund 300.000 Menschen innerhalb der Türkei auf der Flucht.

Schwimmbadapartheid in Niederösterreich

Nach Korneuburg hat nun auch Mödling ein Schwimmbadverbot für Flüchtlinge erlassen. In Mödling geht dieses offenbar noch weiter und ist nicht gegen Asylwerber, sondern gegen „Menschen mit Migrationshintergründen“ gerichtet. Was auch immer mit dem Plural in diesem Falle gemeint sein soll, deutlich wird, dass sich unter niederösterreichischen Bürgermeistern offenbar ein Apartheid-System breit macht.

Im Zweifelsfall vertraue ich hier ja dem Rechtsstaat immer noch mehr als niederösterreichischen ÖVP-Politikern. Insofern kann mann nur darauf hoffen, dass Betroffene möglichst rasch klagen und spätestens auf europäischer Ebene Recht bekommen würde. Und in Österreich möge der Nationalrat endlich ein Antidiskriminierungsgesetz beschließen, das solche Exzesse verhindert. Wünschen darf man sichs ja…

Moedling

von https://twitter.com/a_strobl/status/690549744846897152

 

Ellortnokznerg

Anfang Dezember fiel mir beim Umsteigen am Salzburger Bahnhof zum ersten Mal das Schild auf: Rot umrandet, etwas provisorisch aber doch um Professionalität bemüht stand es da, das neue Schild, das in deutscher und englischer Sprache auf die eben wieder neu eingeführte Grenzkontrolle am Salzburger Bahnhof hinwies. Dahinter deutsche Beamte, die Pässe von Reisenden in Richtung Deutschland kontrollierten und damit ihren Beitrag zum Ende der offenen Grenzen innerhalb der Europäischen Union leisteten. Der Arabisch Begriff darunter schien mir allerdings etwas seltsam. دود bedeutet so etwas wie Maden, Würmer. Was das folgendeح , das seltsamerweise nicht mit dem ل verbunden wurde, bedeuten könnte, war mir völlig unklar. Aber wer weiß, sooo gut ist mein Arabisch ja auch wieder nicht. Vielleicht bedeutet das ja irgendwas, was mir noch nie untergekommen ist. Erst als dem ل auch noch ein nicht mit diesem verbundenes أ folgte, wurde mir klar, was da geschehen ist.

Irgendein bemühter Beamter hatte offenbar versucht auf Arabisch Grenzkontrolle (مراقبة الحدود) hinzuschreiben. Irgendwo zwischen Layout und Schildermacher wurden aber wohl die Buchstaben miteinander vertauscht und statt von rechts nach links standen nun die Buchstaben alle von links nach rechts hier. Arabische Schrift in lateinischer Schreibrichtung gewissermaßen. Und da die Arabischkenntnisse hierzulande eher selten sind, ist das danach offenbar niemandem mehr aufgefallen.

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Damals, Anfang Dezember, dachte ich mir, dass die wohl ohnehin bald draufkommen würden und vielleicht hätte der eine oder andere Syrer damit ja auch seinen Spaß. Womit ich nicht gerechnet hätte ist, dass mir Mitte Jänner das genau gleiche Schild immer noch ins Auge springen würde. Diesmal erbarmte ich mich der dahinter stehenden deutschen Grenzbeamten und machte sie darauf aufmerksam, dass das Arabische auf ihrem Schild in die falsche Richtung geschrieben und damit unlesbar wäre. Der Beamte schaute verdutzt, fragte noch einmal nach, bedankte sich dann und meinte, dass er diese Information den „österreichischen Kollegen“, die das Schild gemacht hätten, weitergeben würde. Mal sehen ob bei meinem nächsten Besuch in Salzburg immer noch eine Ellortnokznerg stattfindet oder ob vielleicht doch wieder einmal Schild samt Kontrolle verschwindet.

Solidaritätserklärung aus Österreich und der Schweiz mit „AkademikerInnen für Frieden“

Solidaritätserklärung aus Österreich und der Schweiz mit „AkademikerInnen für Frieden“

Die Repression der türkischen Regierung gegen regierungskritische AkademikerInnen nach einem Friedensaufruf hat nun auch in Österreich zu einer Solidarisierungswelle geführt. Hochschulangehörige und Wissenschaftler aus Österreich und der Schweiz haben eine Solidaritätserklärung mit ihren Kollegen in der Türkei veröffentlicht. Mitte Jänner hat die Türkei gegen 1128 Akademiker von rund 90 türkischen Universitäten Ermittlungen wegen „Beleidigung des Staats“ eingeleitet. An vielen Universitäten wurden regierungskritische AkademikerInnen entlassen oder von den Universitäten ermahnt. Am Freitag, 15. Jänner, waren 27 der Unterzeichner des Friedensaufrufes sogar festgenommen worden. Staatspräsident Erdogan persönlich warf den UnterzeichnerInnen „Unterstützung des Terrorismus“ vor.

Als einer von rund 400 WissenschaftlerInnen aus Österreich und der Schweiz habe auch ich nun einen Solidaritätsaufruf mit den bedrohten KollegInnen in der Türkei unterzeichnet:

„Als WissenschaftlerInnen aus Österreich und der Schweiz verfolgen wir die Nachrichten über unsere KollegInnen in der Türkei, die gegen von den türkischen Sicherheitskräften in den kurdischen Gebieten begangenen Gräueltaten ihre Stimme erhoben haben, mit großer Sorge.
1128 „AkademikerInnen für Frieden“ unterzeichneten die Stellungnahme „Wir werden kein Teil dieses Verbrechens sein“ und riefen die türkische Regierung zur Beendigung der Gewalt gegen die kurdische Bevölkerung auf. Gleich nach der Veröffentlichung dieser Stellungnahme am 10. Jänner wurden diese WissenschaftlerInnen zur Zielscheibe von Gewalt und Drohungen der türkischen Regierung und AnhängerInnen der Regierungspartei.
Recep Tayyip Erdogan, der Staatspräsident der Türkei erklärte die WissenschaftlerInnen als „Landesverräter“. Gleich anschließend wurden Disziplinarverfahren auf den Universitäten und staatsanwaltschaftliche Ermittlungen gegen die WissenschaftlerInnen wegen „Unterstützung von Terrorismus“ und „Beleidigung der türkischen Nation, des Staates der türkischen Republik und der Institutionen und Organe des Staates“ gestartet. Seit dem 10. Jänner begannen Regierungsnahe lokale und nationale Medien mit einer großen Hetzkampagne gegen die WissenschaftlerInnen, faschistische Gruppen übten Lynchversuche aus und unsere KollegInnen bekamen mehrere Morddrohungen von solchen Gruppen. Ein faschistischer Mafiaboss, der bekanntlich die Regierungspartei unterstützt, schwor „das Blut von verräterischen Wissenschaftlern in Strömen fließen zu lassen und sich in ihrem Blut zu baden“. Zusätzlich wurden bisher mehrere WissenschaftlerInnen polizeilich in die Staatsanwaltschaften vorgeführt und ihre Wohnungen wurden durchsucht.
Wir rufen die türkische Regierung zur sofortigen Einstellung der politischen Verfolgungen gegen WissenschaftlerInnen und zur Gewährleistung der Meinungs- und akademischen Freiheit auf. Zusätzlich unterstützen wir die „AkademikerInnen für Frieden“ in ihrer Aufforderung zur dringenden Beendigung der Gewalt und Menschenrechtsverletzungen in den kurdischen Gebieten“.
400 WissenschaftlerInnen unter anderem folgenden Personen unterzeichneten die Solidaritätserklärung:
Prof. Dr. Ulrich Brand, Prof. Dr. Markus Wenninger, Prof. Dr. Paul Kellermann (Emeritus), Prof. Dr. Adi Wimmer, Prof. Dr. Karl Fallend, Prof. Dr. Christoph Görg, Prof. Dr. Kirsten von Elverfeldt, Prof. Elena Luptak, Prof. Dr. Angelika Wiegele, Prof. Dr. Hermann Hellwagner, Prof. Dr. Tina Bahovec, Prof. Dr. Alice Pechriggl, Prof. Dr. Axel Krefting, Prof. Dr. Susann Heenen-Wolff, Prof. Dr. Ernst Kotzmann, Prof. Dr. Helmut Haberl, Prof. Dr. Ulrike Loch, Prof. Dr. Günter Getzinger, Dr. Berxwedan Omer, Dr. Christian Promitzer, Dr. Hakan Gürses, Dr. Doris Moser, Dr. Johannes Steuer, Dr. Lambert Gneisz, Dr. Manfred Aichinger, Dr. Markus Brunner, Dr. Michael Hüttler, Dr. Reinhard Kacianka, Dr. Tatjana Markovic, Dr. Thomas Schmidinger, Dr. Vera Ahamer, Dr. Agnes Grond, Dr. Andrea Mastalir, Dr. Anna Geyer, Dr. Barbara Preitler, Dr. Betul Bretschneider, Dr. Claudia Grabner, Dr. Dilek Halici, Dr. Ewa Dziedzic, Dr. Hande Saglam, Dr. Helga Neumayer Dr. Iris Mendel, Dr. Karin Tschare, Dr. Katharina Brizic, Dr. Melanie Pichler, Dr. Nadja Danglmaier, Dr. Sandra Pötz, Dr. Ursula Kubes-Hofmann, Dr. Verena Krausneker, Dr. Zeynep Arslan, Ramona Ambs.
Nähere Informationen zum Aufruf:

Mag. Mevlüt Kücükyasar, BA
stellv. Co-Vorsitzender
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FEYKOM- Rat der Kurdischen Gesellschaft in Österreich
Jurekgasse 26, 1150 Wien
Mobil: +43-650-7967068
http://www.feykom.at

Sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Mädchen auf der Flucht

In der aktuellen Debatte wird ständig danach gefragt ob „unsere“ Frauen vor Flüchtlingen Angst haben müssen. Diese patriarchal-paternalistische und – wie in meinem letzten Blogbeitrag nachgezeichnet – vielfach rassistisch unterlegte Debatte verschleiert vieles, u.a. auch, dass Frauen auf der Flucht sehr oft sexualisierter Gewalt ausgesetzt sind. Bei meinen Reisen nach Syrien und in die Nachbarstaaten, kamen mir immer wieder Geschichten von Frauen und v.a. von sehr jungen Mädchen unter, die Opfer sexueller Ausbeutung wurden. Viele Familien syrischer Flüchtlinge in der Türkei, im Irak oder im Libanon, wissen sich nicht mehr anders über Wasser zu halten, als mit dem Verkauf ihrer Töchter. Dies erfolgt entweder als offensichtliche Prostitution oder in der Form, dass sie diese sehr jung als Zweitfrauen an z.B. türkische oder saudi-arabische Staatsbürger verheiraten, die dann dafür der Schwiegerfamilie einen notdürftigen Unterhalt gewähren oder zumindest die Familie um eine Esserin erleichtern.

Frauen und Mädchen werden damit nicht nur dann Opfer sexualisierter Gewalt, wenn sie vom „Islamischen Staat“ verschleppt und vergewaltigt werden oder von einer anderen Kriegspartei sexuelle Übergriffe erleben, sondern oft auch dann, wenn sie vermeintlich in Sicherheit sind. Besonders die Ärmsten der Armen wissen sich mittlerweile manchmal nicht mehr anders zu helfen, als das wenige zu Kapital zu machen, was sie noch „haben“: Ihre Töchter.

Unter den alleinreisenden Flüchtlingskindern – und auch diese gibt es in der Türkei immer mehr – betrifft diese sexuelle Ausbeutung nicht nur Mädchen, sondern auch Buben. Das Ausmaß dieser Übergriffe wurde bislang meines Wissens nach nicht wissenschaftlich untersucht. Wer lange genug mit Flüchtlingen aus Syrien und mit ihnen arbeitenden AktivistInnen spricht, kann jedoch nicht die Augen davor verschließen, dass dies ein mit der zunehmenden Verelendung der Flüchtlinge einhergehendes Problem darstellt.

Amnesty International hat sich nun in einem Bericht speziell der Frage angenommen, wie es Frauen auf der Flucht ergeht. Fazit der Menschenrechtsorganisation: Regierungen und Hilfsorganisationen versagen dabei, flüchtenden Frauen aus Syrien und dem Irak auch nur den grundlegendsten Schutz zu gewähren.

Aber lesen Sie selbst: https://www.amnesty.org/en/latest/news/2016/01/female-refugees-face-physical-assault-exploitation-and-sexual-harassment-on-their-journey-through-europe/

Sexualisierte Gewalt und Rassismus

Warum der Diskurs über Köln Gewalt- und Ausbeutungsverhältnisse verschleiert

Auch über zwei Wochen nach den Ereignissen von Köln verstummt der deutsche und österreichische Blätterwald nicht. Obwohl bis heute die Fakten, wer zu Silvester vor dem Kölner Dom nun wirklich was getan hat, immer noch nicht klar sind, fühlen sich hunderte JournalistInnen, Intellektuelle und PolitikerInnen dazu berufen, nicht nur ihre Abscheu, sondern auch eine Deutung der Ereignisse zu formulieren. Dass die Täter ausgeforscht und bestraft werden müssen, dass Frauen vor solchen Übergriffen zu schützen sind, steht hoffentlich außer Debatte. Die Frage ist allerdings auf welcher sachlichen Grundlage all die gesellschaftspolitischen Deutungen der Geschehnisse beruhen, die derzeit medial diskutiert werden.

Selbst ansonsten seriös wirkende Zeitungen wie die Presse, der Standard, der Falter oder die Wiener Zeitung bringen die sexualisierte Gewalt, die in Köln stattgefunden hat, mit dem Islam oder den Arabern in Verbindung.
Auf der Titelseite der Wiener Zeitung war am vergangenen Wochenende in einer Schlagzeile von „religiös motivierter Sexualgewalt“ zu lesen. Schon am 8. Jänner prangerte ebenfalls auf der Titelseite eine Schlagzeile „Die dunkle Seite importierter Gesellschaften“ an. Dazu wurde ein Foto von zwei Frauen mit Kopftuch abgebildet. Im Innenteil wurde dann darüber doziert, dass sexualisierte Gewalt eine Folge dessen wäre, dass Menschen aus „kollektiv strukturierten Gesellschaften“ nicht gelernt hätten „Einzelne zu sein“ und damit auch nicht, „einander als selbstverantwortliche Individuen zu begegnen.“ Der Falter titelt mit einer Graphik, in der eine Vielzahl schwarzer Männer über weiße Frauen herfallen und gibt der Künstlerin im Blattinneren dann auch noch Raum in Wort und Schrift zu erklären, dass Muslime nun einmal ganz üble sexuelle Belästiger wären, und sie das selbst auf ihren Reisen erlebt habe. Standard und Presse stehen diesem Reigen österreichischer Qualitätsmedien nicht nach. Es gibt zwar keinerlei investigative JournalistInnen, die es der Mühe wert fänden, der Frage nachzugehen, was in Köln wirklich geschehen ist, wer die Täter sind und warum gegen diese nicht eingeschritten wurde, dafür wissen offenbar alle, dass dies ein Ausdruck des „Islam“ oder eine Folge der „Arabischen Kultur“ sei. Araber oder Muslime wären nun einmal so, und wer die hereinließe, müsse mit so etwas rechnen. Der Standard fand schließlich einen in der FAZ erschienenen Text von Samuel Schirmbeck, in dem dieser von einer „giftigen Mischung aus Kultur und Religion“ fabulierte, die für die Übergriffe in Köln verantwortlich wäre, so wichtig ihn gleich als „Kommentar der Anderen“ nachzudrucken.

Die mediale Hetze hat konkrete Auswirkungen. Männer aus Syrien oder dem Irak berichten, dass sie heute im öffentlichen Raum anders angesehen werden als vor einigen Wochen. Im Niederösterreichischen Korneuburg hat ÖVP-Bürgermeister Christian Gepp ein Verbot für Asylwerber ausgesprochen, das städtische Hallenbad zu besuchen.

Statt über sexualisierte Gewalt und sexuelle Belästigung durch Männer zu diskutieren, wird das Thema nun in der öffentlichen Debatte bequem kulturalisiert oder konfessionalisiert. Dass die Vorstellungen von den fremden Sexualstraftätern an über Jahrhunderte tradierte rassistische und antisemitische Vorstellungen vom fremden Mann anknüpfen können, der die Reinheit der deutschen Frau gefährdet, lässt diese umso schneller kursieren. Das Bild von der unkontrollierten, naturnahen und brutalen Sexualität des „Wilden“, die Gefahr des „schwarzen Mannes“ für die „weiße Frau“, gehört schließlich ebenso zum kulturellen Repertoire Europas, wie der hinterhältige jüdische Mann, der nicht durch rohe Gewalt, sondern durch List, Geld und Bildung die „arische Frau“ verführt.

Dies bedeutet nicht, dass es nicht Gesellschaften und Gesellschaftsschichten gäbe, in denen es ein größeres Problem mit sexueller Belästigung oder sexualisierter Gewalt gäbe, als in anderen Gesellschaften. Diesbezügliche Unterschiede verlaufen jedoch mitten durch die islamische und arabische Welt und haben nichts mit Religion oder Kultur zu tun. Dort, wo wir ein erhöhtes Problem mit sexueller Belästigung und sexualisierter Gewalt haben, lässt sich dies meist mit einem Zusammenwirken von patriarchalen Machtverhältnissen, sozioökonomischen Ursachen, politischen Rahmenbedingungen und den Konsequenzen von kulturindustriell erzeugten Missverständnissen, die im Falle Marokkos, Tunesiens und Ägyptens noch durch weiblichen Sextourismus verstärkt werden, erklären. Diese zu erforschen und sachlich zu diskutieren würde die Debatte weiter bringen, die Pauschalangriffe auf den Islam oder die „Arabische Kultur“ helfen hingegen allenfalls Ressentiments gegen Flüchtlinge und MigrantInnen zu schüren.

Die Konzentration der aktuellen Mediendebatte auf Islam und Kultur hilft jedoch auch eine Debatte über Geschlechterverhältnisse und sexuelle Gewalt und Belästigung durch Männer zu verhindern. Sexualisierte Gewalt und sexuelle Belästigung ist nämlich keinesfalls ein Privileg unterprivilegierter Männer, wie selbst Slavoj Zizek in seinem jüngsten Essay es im Spiegel suggeriert. Sexuelle Belästigung und sexualisierte Gewalt drückt sich bei den Unterprivilegierten allerdings anders aus und kommt eher an die Öffentlichkeit als in anderen gesellschaftlichen Schichten. Die überwiegende Mehrheit sexueller Belästigungen und sexualisierter Gewaltakte privilegierter weißer Männer auf Universitäten, in Redaktionsstuben oder in Firmenniederlassungen kommt nie ans Tageslicht und wird von den Opfern nie angezeigt.

Mir haben junge Kolleginnen mit und ohne Migrationshintergrund an unterschiedlichen Universitäten immer wieder von den privilegierten alten weißen Männern in Lehrstühlen, in Redaktionen wissenschaftlicher Zeitschriften oder als Herausgeber von Buchreihen berichtet, die sich für die Förderung junger Frauen entsprechende sexuelle Gefälligkeiten erwarteten. Selbst kleine Lektoren nutzen immer wieder die wenige Macht, die ihnen ihre Lehrendenposition gibt, um sich gute Noten durch Sex abgelten zu lassen. Ähnliche Geschichten wurden mir immer wieder von jungen Frauen in der Medienbranche oder in anderen Wirtschaftszweigen im Vertrauen mitgeteilt. Wenige Betroffene wagen es die Übergriffe anzuzeigen. Schließlich waren die Täter privilegierte weiße Männer, die auch noch später der eigenen Karriere und dem eigenen Ansehen schaden können.

Dass sexuelle Belästigung und sexualisierte Gewalt durch MigrantInnen überhaupt in dieser Form thematisiert werden kann, liegt daran, dass es sich dabei eben nicht um privilegierte Männer handelt, sondern im Zusammentreffen von weißen Frauen aus der europäischen Mittelschicht und männlichen Migranten aus dem Nahen Osten oder Afrika eine Kreuzung zweier unterschiedlicher Machtgefälle aufeinander treffen. Als Frau diskriminiert und als Europäerin privilegiert, als Migrant diskriminiert und als Mann privilegiert. Um solch komplexe Herrschafts- und Machtgefälle beschreiben zu können, wurde im amerikanischen sozialwissenschaftlichen Diskurs der Begriff der „Intersektionalität“ entwickelt, der eben genau diese Kreuzungen (intersections) beschreibt, in dem sich verschiedene Formen der Privilegiertheit und der Diskriminierung treffen.

Diese unterschiedlichen Machtgefälle auszublenden und stattdessen eine kulturell oder religiös definierte Gruppe von Schuldigen zu suchen, verschleiert gesellschaftliche Verhältnisse und damit auch Ursachen für sexualisierte Gewalt und Belästigung von Frauen. Die Leidenschaftlichkeit, mit der dies geschieht, legt den Verdacht nahe, dass dies von manchen Diskursführern durchaus gewollt ist. Schließlich sitzen auch in den leitenden Positionen der Medienbranche und den wichtigsten Positionen des Wissenschaftsbetriebs genau jene alten weißen Männer, die andere Möglichkeiten haben, Frauen zu erniedrigen und sexuell auszubeuten, als zu Silvester aus der Masse heraus junge Frauen anzugrapschen.